• Vorgelesen: Hellmuth Karasek über zwei kanibalische Geschichten von Twain und Swift

Welt : Vorgelesen: Hellmuth Karasek über zwei kanibalische Geschichten von Twain und Swift

Zwei Geschichten über Kanibalismus: Mark Twain erzählt in seiner Story "Menschenfresserei in der Eisenbahn" von einer Zugreise im Dezember 1853 von St. Louis nach Chikago. 24 männliche Passagiere sind an Bord, der Zug gerät in eine Schneekatastrophe, sie sind völlig eingeschlossen, haben nichts zu essen, aber Holz zum Heizen. Und sie gründen in ihrer Hungersnot und Verzweiflung ein Parlament, das in perfekter demokratischer Abstimmung beschließt, wer von den Mitreisenden zuerst von den anderen verspeist wird. Mit formvollendeter Rede und Gegenrede werden die Opfer gewählt und dann verspeist: "Harris schmeckte mir. Er hätte vielleicht noch ein bisschen besser durchgebraten sein können." Am Schluss verlässt den großen Satiriker der Mut, er mildert seine kanibalistische Abstimmungs- und Menschenfressorgie zum Bericht eines vor Hunger Wahnsinnigen ab.

Jonathan Swift schrieb seinen "Bescheidenen Vorschlag, wie man verhüten kann, dass die Kinder armer Leute in Irland ihren Eltern oder dem Land zur Last fallen, und wie sie der Allgemeinheit nutzbar gemacht werden können" 1729, und gegen Hungersnot und Elend seiner Zeit vermerkt er: "Von einem sehr sachverständigen Amerikaner meiner Bekanntschaft in London ist mir versichert worden, dass ein junges, gesundes, gutgenährtes Kind im Alter von einem Jahr eine äußerst wohlschmeckende, wahrhafte und bekömmliche Speise sei..." Beide, Swift wie Twain, machen sich kaum Illusionen über menschliche und mitmenschliche Fähigkeiten. Die Geschichten sind von finsterer Komik - sie gleichen Goyas düsterstem Gemälde: dem von Saturn (1820-23), der eines seiner Kinder wie ein rohes Kotelett verspeist.

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