• Vorgelesen: Helmuth Karasek über Ernest Hemingways "Der alte Mann und das Meer"

Welt : Vorgelesen: Helmuth Karasek über Ernest Hemingways "Der alte Mann und das Meer"

Für seinen 1952 erschienen Roman "Der alte Mann und das Meer" erhielt Ernest Hemingway - so hieß es ausdrücklich in der Begründung - 1954 den Nobelpreis. Liest man die Geschichte von dem alten karibischen Fischer, der in einem letzten Gefecht mit einem Riesenschwertfisch erst siegt (er harponiert nach tagelangen Kampf den Fisch) und dann verliert (er kann die Last nicht ins Boot ziehen und so fressen die Haie seine Beute bis zum Skelett ab), dann fallen der heroische, knappe Tonfall, das virile Pathos und die Romantisierung des malerischen Karibik-Elends auf, die wortkarge, gefühlsherbe, aber von ungeweinten Tränen getragene Freundschaft zwischen den alten hageren Santiago und dem Jungen Manolo.

"Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben", solche Macho-Kernsätze gibt es viele, und in der Tat fällt Hemingways Kurzroman in die Spätzeit des heroischen Existenzialismus, wo man alles durfte, nur nicht kampflos untergehen.

Wer den Roman heute liest, blickt in eine uns fremd gewordene Hemingway-Welt und gleichzeitig in das Spiegelbild, das der Autor seinen heroischen Selbstverzweiflungskampf abgewonnen hat. Die Unfähigkeit des alten Mannes, durch Fischfang sich seinen Lebensunterhalt zu sichern, spiegelt die Angst Hemingways, durch Alkohol-Exzesse und Alter die Schreibfähigkeit verloren zu haben. "Der alte Mann und das Meer" ist, so gesehen, ein absurder Triumph: Neun Jahre später erschoss sich der Schriftsteller.

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