Welt : Vulkanausbruch: Spuk vom Ätna

"Dieses Mal ist alles anders. So etwas habe ich noch nie gesehen." Der sizilianische Bergführer Orazio Di Stefano schüttelt den Kopf und blickt besorgt auf den glühenden Lavastrom, der sich am Ätna Richtung Tal wälzt. In den Dörfern am Hang des tobenden Vulkans geht die Angst um. Besonders in Nicolosi. "In etwa einer Woche könnte die Lava unser Dorf erreichen", sagt Bürgermeister Salvatore Moschetto im Fernsehen.

"Ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie da oben auf 2100 Metern Höhe die Öffnung aufgeklafft ist. Die Erde hat sich zweigeteilt und gewaltige flüssige Lavamassen quollen heraus", erzählt Di Stefano. "Das gleiche ist dann gestern nochmal auf 2700 Metern passiert. Und es könnte wieder passieren, auch genau hier, wo ich gerade stehe." Das ganze "System Ätna" sei in Bewegung und niemand könne vorhersagen, wie sich die Situation weiter entwickelt, meint der erfahrene Alpinist.

Auch der Präsident der sizilianischen Bergführer, Antonio Nicoloso, ist mit dem Vulkan und seinen Gefahren aufgewachsen und gehört zu den besten Kennern des Gebiets. "Ein absolut anormales Phänomen: Die Eruption scheint uns zu umzingeln", sagt er. Auch in der Vergangenheit hätten sich in kurzer Zeit mehrere Öffnungen mit austretender Lava gebildet, aber noch nie an so vielen verschiedenen Punkten. "Die Lava ist überall. Jetzt fließen die Ströme sogar auf die Seilbahn zu", sagt der 68-Jährige.

Grafik: Vulkan Ätna Der rumorende Vulkan bedroht auch das Tourismusgeschäft. Das Hotel "La Nuova Quercia" im Örtchen Belpasso ist fast von der Außenwelt abgeschnitten, seit die Polizei aus Sicherheitsgründen die Zufahrtsstraßen gesperrt hat. "Wir haben kaum Gäste im Moment. Man kommt ja nur noch zu Fuß zu unserem Hotel durch", brummt der Portier. Eine Hotelbesitzerin aus dem nahen Ort Giarre erzählt, dass seit Donnerstag der Boden rings um ihr "Albergo Sicilia" dick mit Vulkanasche überzogen sei. "Es sieht wüst aus", berichtet die deutsche Urlauberin Birgit Biehl am Telefon. "Aus allen Schloten tritt grauer Rauch aus, das ganze Gebiet ist von Aschewolken umdampft." Die 57-jährige Krefelderin zeigt sich tief beeindruckt von der Naturgewalt des Ätna. Das Spektakel lockt zahlreiche Schaulustige an. Mit Fotoapparaten bewaffnet, verfolgen Touristen und Einheimische aus sicherer Entfernung den Fluss der roten Lavamassen.

"In Catania erleben wir einen wahren Boom", erzählen Hoteliers in der Hafenstadt. "Was wir heute dringend brauchen, ist eine neue Katastrophen-Ethik", sagt dazu der sizilianische Philosoph Manlio Sgalambro. "Unsere moralische Aufgabe besteht darin, den Menschen zu erklären, dass man Respekt und Angst haben muss."

Rund um den aktivsten Vulkan Europas leben etwa 100 000 Menschen. "Jetzt macht der Ätna wirklich Angst", sagte ein alter Mann; im Hintergrund stiegen mächtige Rauchwolken auf. Ein gigantischer Lavastrom war zuletzt nur noch wenige Kilometer vom 5000-Seelen-Ort Nicolosi am Fuße des Ätna entfernt. Der Feuerstrom bewege sich auf einer Front von 500 Metern allerdings zunehmend langsamer fort, zuletzt etwa 150 Meter pro Stunde, hieß es. "In Nicolosi schläft niemand mehr. Alle beten und packen die Koffer", berichteten italienische Medien. Die im Notfall geplante Evakuierung könne in wenigen Tagen beginnen. Der Zivilschutz kündigte an, in der Region werde der Notstand ausgerufen. Damit soll den Menschen schnell und unbürokratisch geholfen werden. Bis Freitagnachmittag hatte die Regierung aber noch nicht offiziell den Notstand verhängt.

"Uns beunruhigt, dass sich ein Lavastrom in zwei Flüsse geteilt hat", sagt Zivilschutzchef Franco Barberi. Einer ströme auf eine Schutzhütte zu, der andere habe in Wintersportgebieten eine Spur der Verwüstung hinterlassen. "Die nächste Skisaison an den Hängen des Ätna ist definitiv gefährdet", berichten Bergführer. "Das Magma braucht etwa ein Jahr um sich vollständig abzukühlen, also wird in diesem Winter wegen der Wärme dort kein Schnee liegen bleiben." "Es wird Zeit, Schutzwälle gegen die Lavafront zu errichten", fordert der Geophysiker Giuseppe Patane. Dafür müsse mindestens sieben bis zehn Meter hoch Erde aufgeschichtet werden. "Ich weiß nicht, wie lange das noch dauern wird, aber die Masse von Material, die sich in diesen Tagen im Untergrund bewegt hat, ist wirklich gewaltig."

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