Welt : VW-Erlebnispark: Mit diversen Extras

Klaus Wallbaum

Das hätten sich Bettina und Ulrich Mützel vor ein paar Jahren nicht vorstellen können: Der Kauf ihres neuen Autos lässt sich mit einem Besuch im Freizeit- und Erlebnispark verknüpfen. Das Ehepaar aus dem kleinen Dorf Karwitz im Kreis Lüchow-Dannenberg, unweit vom bundesweit bekannten Atommülllager Gorleben entfernt, fühlte sich wie im Urlaub: Erst haben sie sich im Katalog ihren VW-Sharan bestellt, dann holte VW die beiden zu Hause ab, brachte sie in die ,,Autostadt' nach Wolfsburg, und am Abend konnte die Familie dann mit dem nagelneuen Wagen nach Hause fahren.

Dies ist ein völlig neuer Service bei Volkswagen: Wenn die Kunden es wünschen, lässt die Firma ihre Kunden sogar von einem Taxi in Empfang nehmen. ,,Chauffeur-Service' nennt VW dieses Angebot. Das Interesse ist offenbar enorm. ,,Wir müssen sogar zusätzliche Fahrer einstellen', sagt Silke Schumacher, Sprecherin der VW- Autostadt. Zwar bleibt der Service nicht kostenlos, pro Kilometer werden den Autokäufern 1,37 Mark abgenommen. Dies sind, so betont VW, weniger, als wenn man für eine Familie Bahnfahrkarten zweiter Klasse gekauft hätte. Außerdem ist das Angebot bislang noch begrenzt für solche Kunden, die in einem Radius von 100 bis 400 Kilometern rund um Wolfsburg wohnen.

Der Chauffeur-Service richtet sich vor allem an solche Autokäufer, denen die Anreise mit der Bahn nach Wolfsburg zu umständlich ist - weil sie beispielsweise zu weit von einem Bahnhof entfernt sind. Früher wären diese Kunden wohl in die nächstgrößere Stadt gefahren und hätten sich in einem Autohaus beraten lassen.

Seit es in Wolfsburg jedoch die Autostadt gibt, gilt sie als ,,Geheimtipp'. Die Autostadt ist so etwas wie ein riesiger Erlebnispark für Freunde des Kraftfahrzeugs, vor allem solche vom Typ Volkswagen. Ein bisschen erinnert der Park an die Weltausstellung Expo 2000 in Hannover - verschiedene Pavillons, gläserne Fassaden, viele Multimedia-Einspielungen und reichlich glitzernde und bunte Lichter.

Volkswagen präsentiert sich den Autokunden mit einem modernen Image: Kommunikativ und technisch auf dem neuesten Stand. Ein Vorbild in Japan oder den USA gebe es nicht, betont Autostadt-Sprecherin Silke Schumacher. Nein, die Idee der Autostadt habe vielmehr etwas mit der Weltausstellung Expo in Hannover zu tun. Die Manager von Volkswagen wollten während der Expo im vergangenen Jahr etwas Besonderes anbieten. Rasch war der Gedanke gekommen, ein Auslieferungszentrum für die Kunden zu bauen. Doch eine schlichte Halle, in der den Käufern einfach nur der Autoschlüssel in die Hand gedrückt wird, erschien dem Konzern zu wenig. Mehr als 400 Künstler, Architekten, Filmemacher und Computerfreaks wurden zu Rate gezogen.

Das Ergebnis ist beeindruckend. Zwischen dem Zentrum Wolfsburgs und dem Werksgelände, direkt am Mittellandkanal, ist ein üppiger Park angelegt. 650 Bäume und 4500 Büsche stehen hier, Hügel und Seen sind entstanden, dazwischen stehen sechs eigenwillig gestaltete Pavillons. Diese Idee erinnert an die Expo in Hannover. Während sich dort die Nationen in eigenen Hallen präsentierten, sind es in der VW-Autostadt die einzelnen Marken des Konzerns, die jeweils ihre besondere Firmenphilosophie vertreten. In der Lamborghini-Halle beispielsweise ist es besonders laut, grelle Farben und Feuer sind zu sehen - Symbole für Kraft und Geschwindigkeit. Wer einen Lamborghini fährt, legt ja auch besonderen Wert auf Schnelligkeit. In der Bentley-Halle schräg gegenüber indes sind die Wände mit edlem Holz verziert, Gold funkelt und das Licht ist gedämpft. Extravaganz und Luxus werden gezeigt.

In einem ,,Zeithaus' sind VW-Typen der verschiedenen Jahrzehnte ausgestellt, untermalt mit Videostreifen aus den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren. Werbefilme werden vorgeführt, zudem Fassaden von Kaufmannsläden und Plakate aus früheren Epochen. Dem Besucher wird nicht nur vermittelt, wie sich die Wagentypen im Laufe der Jahre verändert haben, besonders der legendäre VW-Käfer. Die Autostadt hat auch den Anspruch, den Zeitgeist jener Jahre damit zu verknüpfen. So stehen der Käfer und der VW-Bulli der späten siebziger Jahre für den Aufbruch der Jugend in jener Zeit - Beatmusik, lange Haare, Zigaretten, Jeans und Sandalen.

Im Rundkino werden Filme gezeigt, man kann mit einem schwebenden Fahrrad durch die Luft fliegen, und für Kinder gibt es noch besondere Attraktionen - Rennbahnen für Catcars und eine Spiellandschaft. Im Auslieferungszentrum kann man Flughafen-Atmosphäre schnuppern. Man wartet in einer großen Halle, blickt auf elektronische Anzeigetafeln und erfährt dann, wann man seinen neuen Wagen abholen kann. Freundliche Mitarbeiter kommen, überreichen die Schlüssel und weisen die Kunden ein. Ein Autokauf wie der Flug in ein fremdes Land - voller Spannung auf etwas unerwartetes Neues. Die Autostadt soll auch so etwas wie ein Zentrum der Kultur sein. Internationale Popstars bietet VW hier auf, es gibt zahlreiche Ausstellungen und Kunstaktionen. Wer will, kann seinen Besuch in der Autostadt auch mit einer Werksbesichtigung bei VW verknüpfen. Allerdings sind die Termine oft ausgebucht - die Tour ist begehrt.

So wird, auch für die Mützels aus Lüchow- Dannenberg, der Autokauf unversehens zu einem kleinen Kurzurlaub. Begonnen hat es mit dem Service auf der Hinfahrt: Im Wagen konnten sich die beiden schon einstimmen auf die Autostadt, kleine Videofilme wurden im Bus gezeigt. Dann die Erlebnisse in den unterschiedlichen Pavillons, das Museum der verschiedenen Autotypen aus den zurückliegenden Jahrzehnten und der Film im Rundkino (Thema: Gibt es absolute Sicherheit? Die Antwort: Nein).

Warum ein solcher Aufwand für die Kunden? Zum einen, weil es offenbar einen Bedarf an dieser Form von Erlebnisparks gibt. Anfang Juni feierte die Autostadt ihr einjähriges Bestehen. Bei der Eröffnung hatte man geschätzt, dann eine Million Besucher gezählt zu haben - es wurden 2,3 Millionen. Zum anderen will VW die Menschen ansprechen, für die der Kauf des Wagens mehr ist als der Erwerb eines Gebrauchsgegenstandes.

Wer sein Auto als Statussymbol sieht, wer sich mit der Marke identifizieren will, bekommt in der Autostadt ein gehöriges ,,VW-Gefühl' mit auf den Weg. Volkswagen ersetzt den Wettbewerb der Autos durch den Wettbewerb der Marken und Typen. Wer VW fährt, soll an die Autostadt denken, soll etwas Besonderes darin sehen - so wie Mercedes- Fahrer über Jahrzehnte Mercedes aus Überzeugung gefahren sind.

Ob das die ansprechende Form der Zukunft auf dem Automarkt ist? Die Mützels aus dem Kreis Lüchow-Dannenberg jedenfalls zeigten sich nach ihrem Besuch sehr zufrieden.

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