Welt : "Wagner schrieb große Popmusik"

PETE WATERMAN (52) (in der Mitte) gilt als der erfolgreichste Musikproduzent aller Zeiten.In den 80er Jahren schrieb er mit seinen damaligen Partnern Matt Aitken (l.) und Mike Stock (r.) die Hits von Rick Astley, Jason Donavan und Kylie Minouge.Anfang der 90er Jahre trennte sich das Musikproduzenten-Trio.Doch jetzt ist Pete Waterman mit der Popband Steps wieder voll im Geschäft.Am Montag erschien das Album "Step One" in Deutschland.Mit Pete Waterman sprach Matthias Kalle.

TAGESSPIEGEL: Mr.Waterman, wen sehen Sie, wenn Sie morgens in den Spiegel schauen?

WATERMAN: Nach vierzig Jahren im Musikgeschäft: Einen Pop-Verrückten.

TAGESSPIEGEL: Ihre erfolgreichste Zeit hatten Sie in den 80er Jahren, als Sie als Produzent von Popsternchen wie Kylie Minouge und Rick Astley Millionen von Platten verkauft haben.

WATERMAN: Das war eine großartige Zeit.Meine damaligen Partner und ich setzten uns einfach hin und schrieben einen Nummer-Eins-Hit nach dem anderen."I should be so lucky", "Never gonna give you up", "Sealed with a kiss" ...

TAGESSPIEGEL: Damit sind Sie Millionär geworden.Kein Produzent hat jemals soviel Geld verdient wie Sie.

WATERMAN: Geld hat mich niemals interessiert.Ich wollte immer nur Musik machen.Musik, die den Menschen gefällt, die sie glücklich macht und zum Tanzen bringt.Natürlich bin ich dabei reich geworden, unfaßbar reich.

TAGESSPIEGEL: Anfang der 90er Jahre verkauften Sie die Hälfte ihrer Plattenfirma PWL und zogen sich aus dem Musikgeschäft zurück.Sind Ihnen die Ideen ausgegangen?

WATERMAN: Ich hatte einen Punkt erreicht, wo es einfach nicht mehr weiterging.Die Musik, die vor neun Jahren die Charts dominierte, interessierte mich nicht mehr.Außerdem nervte mich die Zusammenarbeit mit Aitken und Stock.Dieses Leben, das wir führten, unsere unzähligen Autos durch die Gegend zu fahren und drei Tage die Woche Golf zu spielen, das langweilte mich einfach.

TAGESSPIEGEL: Jetzt kehren Sie zurück und haben die Steps erfunden, eine Band mit drei hübschen Mädchen und zwei hübschen Jungs, die Ihre Lieder singen und in England bis jetzt über vier Millionen Platten verkauft haben.Brauchen Sie wieder Geld?

WATERMAN: Quatsch, ich mache Steps nur noch, weil ich Nummer-Eins-Hits schreiben will und weil ich will, daß die Menschen zu mir sagen: "Ich habe alle Deine Platten und ich liebe sie alle."

TAGESSPIEGEL: Gab es nicht noch einen anderen Grund für Ihre Rückkehr?

WATERMAN: Die Backstreet Boys.Als ich die Jungs im Fernsehen sah, dachte ich mir, daß da eine Band in meinem Revier wildert.

TAGESSPIEGEL: Was ist Ihre Definition des perfekten Popsongs?

WATERMAN: "She loves you" von den Beatles.Das ist der perfekteste Popsong, der jemals geschrieben wurde.Er zeigt, wie Popmusik funktionieren muß: Drei Minuten pures Glück.Melodie und Text sind banal, aber trotzdem nicht dumm.Es ist die Einfachheit, die Schlichtheit, die aus einem guten Popsong einen perfekten Popsong macht.

TAGESSPIEGEL: Haben Sie jemals versucht den perfekten Popsong zu schreiben oder haben Sie die Suche von Anfang an aufgegeben?

WATERMAN: Sie werden es kaum glauben, aber selbst ich versuche es.Aber falls ich es jemals schaffen sollte, dann werde ich sofort aufhören, Musik zu machen, dann machte meine Arbeit keinen Sinn mehr.

TAGESSPIEGEL: Früher lag der Sinn Ihrer Arbeit darin, aus unmusikalischen Menschen wie Rick Astley und Jason Donavan Popstars zu machen.Was ist aus denen eigentlich geworden?

WATERMAN: Ich habe keine Ahnung.Jeder weiß, daß Popmusik ein schnellebiges Geschäft ist.Die wenigsten halten sich zehn Jahre lang.

TAGESSPIEGEL: Jason Donavan und Kylie Minouge waren Stars der Seifenoper "Neighbours", bevor sie Popstars wurden.In Deutschland passiert das gerade mit Oli P, dem Star der Seifenoper "Gute Zeiten, schlechte Zeiten".Kennen Sie den?

WATERMAN: Natürlich, und ich finde den auch ganz fabelhaft.Ich kann nicht verstehen, daß es einige Leute nicht gut finden und sagen: "Der kann ja gar nicht singen, der ist doch gar kein Musiker." Wenn jemand Starqualitäten hat, einigermaßen aussieht und nicht völlig falsch singt, dann kann und darf ich aus ihm einen Popstar machen.

TAGESSPIEGEL: In den 60er Jahren spielten Sie als DJ die Platten der Supremes und von den Temptations.Später wurde Ihnen vorgehalten, daß sie Plastik-Pop produzierten.Finden Sie Ihre musikalische Entwicklung plausibel?

WATERMAN: Absolut.In den 60er Jahren liebte ich die Beatles, dann fing ich an, mich für schwarze Musik zu begeistern, in den 70er Jahren für Disco und Punkmusik.Als ich die Sex Pistols zum ersten Mal hörte, konnte ich es kaum glauben.Ich war von dieser Kraft begeistert.Musik fasziniert mich dann, wenn sie neu ist, mich zum Staunen bringt und irgendeine Emotion in mir auslöst.Über allen steht übrigens Richard Wagner.

TAGESSPIEGEL: Wagner und Waterman?

WATERMAN: Alles, was Wagner gemacht hat, so wie er es gemacht hat, kann man nur als große Popmusik beschreiben.Er nahm eine Melodie und transportierte mit ihr große Gefühle.Seine Melodien gehen sofort ins Ohr.Der Mann war einfach fabelhaft.

TAGESSPIEGEL: Sie schwärmen von Wagner, der Musik für die Ewigkeit geschrieben hat.Sie selbst produzieren Musik für den Augenblick.Warum?

WATERMAN: Das ist das einzige, was ich wirklich gut kann.

TAGESSPIEGEL: Bedeutet Ihnen Geld alles?

WATERMAN: Noch einmal: Geld bedeutet mir nichts.Natürlich macht es mein Leben angenehmer, aber wenn ich sterbe, werde ich mein Geld nicht mitnehmen können.Ich will als glücklicher Mensch sterben, der den Menschen ein kleines Stück vom Glück geschenkt hat.

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