Welt : Wahre Geschichten: Frauen

Fanny Müller

Mütter und Tanten! Am Sonntag traf man sich zum Kaffeetrinken, Kuchen essen und Kinder vergleichen, während die Männer draußen in Gummistiefeln an der Scheune standen, Zigarren rauchten und über das Wetter fachsimpelten. Das war zu der Zeit, als Frauen noch Hüften hatten, eine eisenharte Dauerwelle und sich immer in Reichweite ihres Herdes aufhielten. Zu diesem Behufe trugen sie entweder Kittelschürzen oder - wenn Festliches im Gange war - das Brokatene. Nur eine fällt ein bisschen raus - sie sitzt im Nachthemd bzw. Negligé vor ihrem Volksempfänger und denkt, versonnen lächelnd, an Erotisches. Auch wenn das früher anders hieß und irgendwie verboten war. Sie erinnert mich an meine Großtante Gretchen, die, obwohl verheiratet, einen platonischen Briefwechsel mit einem "Hausfreund" namens Guido unterhielt. Und zwar ging es da meistens um Hermann Löns, einen heute zu Recht vergessenen Schriftsteller. Der soll ja auch nicht ohne gewesen sein ("Rosemarie, Rosemarie, sie-hieben Jahre mein Herz nach dir schrie...").

Und wenn sie sich einmal richtig von der Hausarbeit erholen wollten, stickten sie grauenhafte Tischdecken oder Sofakissen. Keine sah jünger aus, als sie war, und an ihren gepanzerten Busen konnte man sich tüchtig ausweinen, wenn man Liebeskummer hatte. Später traf man sich ja nur noch zu Beerdigungen. Da wurden dann die Enkel verglichen und meine Tante Mary, die Zigaretten rauchte, musterte mich und sagte heiter: "Kind, isst Du auch genug? Du siehst ja leichenblass aus. Lei-chen-blass!" Damals war ich 35, fühlte mich aber auf der Stelle wie sieben.

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