Welt : Wahre Geschichten: Menschen an Neubauten

Wladimir Kaminer

Seit zehn Jahren leben wir in Berlin und sind sechsmal umgezogen. Jedes neue Haus ist älter als das vorige. Wenn mein Vater bei mir vorbeischaut und die Löcher unter den Fenstern, den von Holzkäfern zerfressenen Boden und den abfallenden Putz an der Fassade sieht, werden seine Augen ganz rund. "Warum tut ihr euch das an? Ihr könntet doch in Karow-Nord eine supertolle Neubauwohnung viel billiger bekommen!"

Ich habe meine Jugendjahre in einem Neubau verbracht, meine Frau ebenso. Die Neubauten waren bei uns in Russland der Versuch, den Traum von einem glücklichen, sorglosen Leben für jeden in die Realität umzusetzen. Alle Häuser waren gleich gebaut, die Wohnungen gleich geschnitten. Wenn ich Freunde besuchte, musste ich nie fragen, wo die Toilette ist. Meine Eltern hatten ihr ganzes Arbeitsleben lang eine solche Wohnung: Zwei Zimmer, Bad, Küche - 27 Quadratmeter, 1,90 Meter hoch. Altbauten gab es in unserem Außenbezirk nicht. Die Stadt wuchs in alle Richtungen und verschlang alle Dörfer. Die Baubrigaden sprengten die alten Häuser einfach in die Luft, die Neubausiedlungen übernahmen anschließend die Namen der Dörfer. So hieß unser Bezirk "Korovino-Funkino", was sich kurz und knapp als Kuhscheiße übersetzen lässt. Zwar gab es bei uns weit und breit keine Kühe mehr, trotzdem fanden die meisten Bewohner diesen Namen passend. "Wo wohnst Du, mein Sohn?" "In der Kuhscheiße." Man konnte sich sofort etwas darunter vorstellen.

Ich habe unsere Wohnung nie als klein empfunden. Erst als ich nach dem Wehrdienst zurückkam. 27 Quadratmeter! Allein das Klo in unserer Kaserne hatte 100.

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