Welt : Wahre Geschichten: Menschen in der Freizeit

Michael Rutschky

Bekanntlich rechnet zu den wesentlichen Paradoxien unserer Gesellschaft, dass am Arbeitsplatz immer weniger zu tun ist, während die Freizeit immer mehr und immer abenteuerlichere Aktivitäten fordert.

Nehmen wir bloß den Schlips, von dem den Angestellten längst entfallen ist, wie sie ihn morgens vor dem Büro umbinden - aber sich so ein weißes Tuch zu greifen und es lümmelig um den Hals zu knoten, damit man abends in der Galerie auftreten kann, da ist doch Nachdenken gefordert.

Nie muss man am Arbeitsplatz kunstvolle Sprünge ausführen. Oder halbnackt über dem Wasser auf einem schmalen Geländer sitzen - eigentlich balancieren. Kein Büro bietet die Chance zur Verwirklichung dieser menschlichen Möglichkeiten.

Überhaupt, die Nacktheit. Stellen Sie sich vor, ab morgen wären Konferenzen in Bikini und Badehose zu absolvieren. Plötzlich wäre die normale Unspürbarkeit, in welche die Bekleidung Ihren Körper versetzt, aufgehoben, und Sie müssten von Augenblick zu Augenblick überlegen, wie Sie die Glieder gruppieren, und stets käme dabei unweigerlich Peinlichkeit heraus - das gibt eine Vorstellung davon, was die Angestellten in der Freizeit am Strand oder im Segelboot halbnackt Ungeheuerliches leisten. So etwas muss natürlich von Kindheit an geübt werden; mitsamt der kleinen Kumpels trainiert man das ungenierte Zurschaustellen der Haut, das am Arbeitsplatz unnötig, in der Freizeit aber dringend gefordert ist.

Bleiben die Spiele, Boule, Mühle, Federball - ich bin sicher, dass auch sie den Angestellten in der Freizeit weit mehr Arbeit abverlangen als jede Büroroutine.

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