Waisenkinder : Adoption auf russisch

In Russland werden derzeit immer mehr angenommene Kinder zurückgegeben - nicht nur aus den USA, sondern auch im Land selbst.

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Russische Kinder zur Adoption in die USA, das soll es erst einmal nicht mehr geben. Dies klarzustellen versäumte der russische Außenminister Sergej Lawrow in den vergangenen Wochen selten. Ein Fall wie der von Artjom Saweljew dürfe sich nicht wiederholen. Artjoms Pflegeeltern in den USA hatten den Jungen Anfang April einfach in ein Flugzeug nach Moskau gesetzt, zwecks „Rückgabe“ wie auf einem Zettel stand. Das Einzige, was der Achtjährige außer seinem russischen Pass bei sich hatte. Erst wenn ein Regierungsabkommen ausgehandelt sei, das Pflichten und Verantwortlichkeiten beider Seiten en Detail regle, würden russische Kinder wieder zur Adoption in die USA freigegeben.

Ein berechtigter Aufschrei der Empörung ging wegen Artjom durch die russischen Medien. Komplett unter den Tisch fiel dabei allerdings, dass derartige „Retouren" leider auch in Russland gang und gäbe sind. Jedes dritte Adoptivkind, sagte die Vorsitzende des Duma-Ausschusses für Frauen-, Kinder - und Familienangelegenheiten, Jelena Misulina, bei einer Anhörung, werde von seinen russischen Pflegeeltern ins Heim zurückgegeben. Derzeit jährlich über 30.000. Die Zahl der „Rückgaben“ liege deutlich höher als die der Neu-Adoptionen. Das sei für die Kinder, von denen sich zuerst die eigenen und dann auch noch die Adoptiveltern trennen, die blanke Katastrophe. Und eine moralische Bankrotterklärung der Gesellschaft

Nicht die einzige. Denn derzeit, so Misulina, gäbe es in Russland auch mehr Waisen als selbst in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Und viermal so viel wie in Westeuropa oder den USA. Wie viele genau ist umstritten. Kinder, die nach Misshandlung und Verwahrlosung einfach von zu Hause weglaufen, auf der Straße vegetieren und sich dort häufig Gangs anschließen, fallen durch die Raster der Statistik. Erfasst werden nur jene, die im Heim landen. Rund 80 000, von denen nur 20 Prozent die leiblichen Eltern durch Tod verloren. In vier von fünf Fällen leben die Erzeuger noch. Der Staat erkannte ihnen jedoch das Sorgerecht ab.

Mehr Waisenkinder als nach dem Zweiten Weltkrieg

Chancen von Straßenkindern, eine neue Familie zu finden, tendieren gegen Null. Die von Heimkindern bewegten sich lange auf ähnlich niedrigem Niveau. Sie gelten nach traumatischen Erlebnissen mit drogen- oder alkoholsüchtigen Eltern und schlechter Behandlung durch überforderte Erzieher in den chronisch unterfinanzierten Verwahrungsanstalten als schwierig. Dazu kommen – berechtigte – Ängste vor sozialer Ächtung durch Nachbarn, Freunde und Bekannte. Die Trendwende sollte ein neues Adoptionsgesetz bringen, das die Duma vor zwei Jahren beschloss. Doch an ihm erfüllte sich, wie schon öfter in Russland, ein inzwischen geflügeltes Wort von Ex-Premier Viktor Tschernomyrdin: Wir wollten das Beste, aber herausgekommen ist dabei, was bisher immer dabei herauskam.

Angesichts staatlicher Beihilfen stieg nämlich die Zahl der Adoptionen zunächst in rekordverdächtigem Tempo. Im gleichen Tempo entwickeln sich jetzt die Rückgaben. Vor allem in wirtschaftlich schwachen Regionen, wo viele Familien den staatlichen Geldsegen in erster Linie als Möglichkeit sahen, ihre eigene finanzielle Situation aufzubessern. Als sie merkten, dass Adoption stets ein Zuschuss-Geschäft ist, gaben sie die Kinder zurück. Zuvor reagierten viele ihren Frust durch Misshandlungen der Adoptivkinder ab.

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