Welt : Walter Benjamin: Verzweiflung, jenseits der Gefühle

Wilfried F. Schoeller

Mehr als 1 370 Briefe Walter Benjamins liegen nun gedruckt vor, und sie umfassen über 3 500 Buchseiten. Zu lesen sind die letzten Strecken dieses vom Reisen, von geistigen Grenzüberschreitungen, Passagen und rätselhaften Denkwegen bestimmten Lebens in diesem letzten Band. Als Ergebnis findet sich, äußerlich betrachtet, in diesen letzten zweieinhalb Lebensjahren nicht mehr viel für das Werkverzeichnis: der "Baudelaire"-Aufsatz, die geschichtsphilosophischen Thesen, eine Abschiedsschrift. Aber man wird geradezu zur Anteilnahme am Schreiben als einer heroischen Passion aufgerufen.

Für Walter Benjamin wuchs sich im Exil vor allem anderen eine ihm vertraute Aufgabe zur Obsession aus: seine materielle Existenz zu sichern. Die Aufgabe war 1938 weniger denn je zu lösen. Von diesem Jahr an versuchte er, die französische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Nach siebzehn Umzügen von einem provisorischen Quartier zum anderen hauste Benjamin, verzweifelt schreibend, in einer Einzimmerwohnung an einer Pariser Ausfallstraße.

Im Juli 1938 befand sich der Geflüchtete wieder in Svendborg; er wohnte bei einem Polizeioffizier neben dem Hause Brechts und studierte, wie er Gretel Adorno schrieb, "linientreues Schrifttum". Die Moskauer Prozesse standen ihm vor Augen, die Stalinsche Kulturpolitik mit ihren mörderischen Konsequenzen hatte er gegenwärtig: "Was Brecht betrifft", schreibt Benjamin, "so macht er sich die Gründe der russischen Kulturpolitik durch Spekulationen über die Erfordernisse der dortigen Nationalitätenpolitik klar so gut er kann."

Am 30. September 1938 vermeldete der Briefschreiber den Abschluß des "Baudelaire"-Manuskripts. Es war nach eigenem Bekunden "ein sehr genaues Modell der Passagenarbeit", seines Mammuts, des Buchs über Paris als Hauptstadt des 19. Jahrhunderts. Vier Monate später berichtete er davon, dass Adorno die Drucklegung des "Baudelaire" abgelehnt habe. Das Münchner Abkommen vom 29. September 1938 veränderte die politische Landschaft Europas. Eine "Periode nachhaltiger Depression" quälte den Exilanten. Er mühte sich mit der Umarbeitung des "Baudelaire", um Adornos Kritik aufzunehmen und weiterhin unter der Gnadensonne des Instituts für Sozialforschung zu stehen. Aus einem sorgenvollen Brief von Horkheimer las er ein Orakel über seine Zukunft heraus, er bangte um sein Existenzminimum: "Von ihm wieder abzusinken, würde ich à la longue schwer ertragen. Dazu sind die Reize, die die Mitwelt auf mich ausübt, zu schwach, und die Prämien der Nachwelt zu ungewiß." Angst: Der Satz ließ sich, bei Benjamins sprichwörtlicher Diskretion, als Andeutung eines Selbstmords lesen. Doch die Unterstützung wurde nicht ausgesetzt, und gerade Horkheimer, Adorno und Pollock in New York betrieben intensiv Benjamins Visaangelegenheiten. Der reiche Sammler Sigmund Morgenroth sollte ihm die Übersiedlung nach Amerika ermöglichen. Dessen Sohn Ernst, der unter dem Namen "Lackner" als Schriftsteller arbeitete, sollte den "Angelus Novus", das Aquarell Paul Klees, seit 1921 im Besitz Benjamins, verkaufen. Der Verkauf misslang.

Während jeder seiner Schritte beschwerlich wurde, während seine Lage sich immer mehr ins Unhaltbare wendete, befaßte Benjamin sich mit der "Physiologie des Müßiggangs": "Ich hoffe, es wird mir gelingen, die Kriterien namhaft zu machen, die den Müßiggang in der bürgerlichen Gesellschaft von der Muße in der feudalen scheiden."

Nach Kriegsausbruch wurde Benjamin mit Tausenden anderer im Radstadion Colombes interniert und zehn Tage später in Eisenbahnwaggons weiter nach Süden, nach Nevers evakuiert. Ende November 1939 wurde er, aufgrund der Intervention von Freunden, entlassen und kehrte nach Paris zurück. In seinen "Thesen" schrieb er seine Kritik des Fortschrittglaubens, seine Absage an den Kommunismus, seine neuerliche Wendung zum Messianismus nieder. An Scholem wandte er sich am 11. Januar 1940 als Stoiker: "Die Zahl derer, die sich auf dieser Welt zurechtfinden, schmilzt mehr und mehr." Es gab nun entschlossenere Bemühungen, die erforderlichen Papiere für eine Einreise in die USA zu erhalten, aber die Aussicht auf Erfolg bleib ungewiss.

Ein blamabler Antisemitismus, die Furcht vor Unterwanderung durch Kommunisten und die moralische Doppelzüngigkeit der amerikanischen Politik verhinderten einen größeren Erfolg bei der Rettung der in Frankreich bedrohten Flüchtlinge. Das ist die andere Seite des steten Zögerns, das Benjamin daran hinderte, Paris zu verlassen - und das ihn schließlich das Leben kosten sollte.

Ein ungemeiner Sarkasmus hatte ihn nach dem Selbstmord Tollers im Mai 1939 befallen, eine Art emotionsferne Verzweiflung, wie er an Adorno schrieb: "Eine Historie, die ihren wahren Chronisten in Karl Kraus besessen hätte, kommt aus Wien; man hat dort den jüdischen Haushaltungen, zumindest vorübergehend, das Gas gesperrt. Es wurde für die Gasgesellschaft zu teuer, jüdische Abonnenten zu beliefern. Sie verbrauchten zu große Mengen. Und da dies zum Zwecke des Selbstmordes geschah, so blieb die Gasrechnung nachher in vielen Fällen unbeglichen."

Zwar konnte Benjamin mit dem letzten Zug fliehen, der Paris vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht am 14. Juni 1940 verließ, und entging einem neuerlichen Aufenthalt im Internierungslager. Doch als er in Lourdes, wo er sich ein Hotelzimmer gemietet hatte, am 2. August 1940 an Adorno schrieb, hören wir gleichsam die Stimme Kafkas: "Ich bin verurteilt, jede Zeitung (sie erscheinen hier nur noch auf einem Blatt) wie eine an mich ergangne Zustellung zu lesen und aus jeder Radiosendung die Stimme des Unglücksboten herauszulesen."

Seine "Thesen über die Geschichte" schickte er an Gershom Scholem, doch der erhielt sie, wie den Begleitbrief, nicht mehr. Am 17. August 1940 fuhr Benjamin nach Marseille, um die spanischen und portugiesischen Durchreise-Visa zu erhalten. Briefe sind von dieser vorletzten Lebensstation bisher nicht mehr bekannt geworden. Nicht einmal seine Anschrift in Marseille ist zu ermitteln.

Vermutlich am 23. September 1940 ist Benjamin nach Süden aufgebrochen, um den Fluchtweg über die Pyrenäen nach dem spanischen Grenzort Portbou zu gehen. Auf dieser letzten Reise erfüllte sich ein Geschick, das an den Surrealismus der Sinnlosigkeit erinnert. Das ist es vielleicht gerade: dass sein Tod am 26. September 1940, ob von eigener Hand, ob durch Erschöpfung oder durch falsche ärztliche Handlungen verursacht, nicht einem Sinn folgt, sondern eine umgreifende Gebärde des schweigenden Nichts ist. Dieser Tod, der so viele Worte des Bedenkens ausgelöst hat, der einen Hof aus Gedenk- und Bedeutungswörtern hat, bleibt in seinem Kern sprachlos.

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