Welt : Wann darf ein Passagier noch aussteigen?

Gibt es doch eine Möglichkeit für Passagiere, aus einer Maschine auszusteigen, nachdem die Tür geschlossen wurde? Nach der Flugkatastrophe von Madrid ist darüber eine Debatte entbrannt, weil Reisende nach dem ersten Startabbruch vergeblich gefordert hatten, auszusteigen. Grundsätzlich ist die Rechtslage zwar klar. Wie berichtet haben Passagiere keinen Anspruch darauf, auszusteigen. Es gibt jedoch Experten, die in manchen Situationen einen kleinen Spielraum sehen. Wenn die Türen geschlossen sind, sich die Fluggastbrücke aber davor befindet, kann ein Passagier darauf bestehen, rausgelassen zu werden, sagte Marc-Roman Trautmann vom Deutschen Flugangst-Zentrum gegenüber der dpa. Dies gelte selbst dann, wenn sich der Flug verzögern würde, weil die Koffer des Reisenden wieder ausgeladen werden müssen. Die Fluggesellschaft dürfe von ihm deshalb keinen Schadenersatz verlangen.

„Im Verhältnis zwischen Fluggesellschaft und Passagier sind beide Seiten verpflichtet, den berechtigten Interessen des jeweiligen Vertragspartners Rechnung zu tragen“, sagte der Berliner Luftrechtsexperte Professor Elmar Giemulla dem Tagesspiegel. Nicht jeder Fluggast, der plötzlich Angst verspüre, könne auf dem Ausstieg beharren, wenn dies größere Verzögerungen verursachen würde. Es gelte aber, die Plausibilität des Passagierwunsches abzuwägen. Ein Startabbruch wie in Madrid sei schließlich „keine Kleinigkeit, sondern ein Mittel der letzten Instanz“. Dennoch sieht Giemulla keinen Rechtsanspruch, aussteigen zu dürfen.

Der Frankfurter Luft- und Reiserechtsfachmann Professor Ronald Schmid sieht keinen Spielraum. „Wer als Passagier ein Flugzeug, ein Schiff, einen Eisenbahnwaggon oder einen Bus besteigt, weiß, dass er nicht jederzeit wieder aussteigen kann.“ In dem Moment, in dem die Türen geschlossen werden, habe der Flugkapitän die sogenannte Bordgewalt. Ein ungutes Gefühl sei kein Grund, den Ausstieg zu fordern. Dazu müsse schon ein zweifelsfrei erkennbarer Schaden vorliegen. Wenn ein Pilot sagt, dass er eine Unklarheit festgestellt habe und diese vor dem Start lieber überprüfen lassen wolle, sei dies eher als eine „vertrauensbildende Maßnahme“ zu bewerten, sagt Schmid. Schmid ist nur ein Fall bekannt, in dem ein Passagier eine Fluggesellschaft wegen Freiheitsberaubung verklagte, weil er die auf eine Startfreigabe wartende Maschine über eine Stunde lang nicht verlassen durfte. Das Verfahren sei eingestellt worden. Wenn Passagiere aufspringen und randalierend den Ausstieg fordern, ist die Besatzung aber gezwungen, die Maschine zu stoppen und die Leute den Behörden zu übergeben. Sie müssten mit Strafverfahren und hohen Schadenersatzklagen rechnen. Aber würde sich ein Ankläger finden, wenn Passagiere der Spanair randaliert hätten, der Polizei übergeben worden wären, und anschließend verunglückte die Maschine? Wohl kaum. Wenn kein Unglück passiert, würden sie verklagt. -du

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