War ihr Freund der Täter? : Türkischer Teenie-Star mit Kopfschuss verletzt

Die Türkei wird von einem "Ehrenverbrechen" erschüttert. Die junge Sängerin Mutlu Kaya wurde angeschossen - weil sie mit ihrer Karriere gegen die Familienehre verstoßen haben soll. Der Täter soll ihr eigener Freund sein.

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Mutlu Kaya bei der Talentshow "Sesi Cok Güzel" im türkischen Privatsender Fox.
Mutlu Kaya bei der Talentshow "Sesi Cok Güzel" im türkischen Privatsender Fox.Screenshot Youtube

Es war wie im Märchen. Ein 19-jähriges Mädchen aus dem Kurdengebiet der Türkei war zu arm zum Studieren, doch dann wurde sie über Nacht zum Star, und das ganze Land lag ihr zu Füßen. Für den Teenager Mutlu Kaya aus der südostanatolischen Stadt Ergani wurde dieses Märchen wahr – aber es gab kein Happy End. Mitten in den Vorbereitungen für einen neuen Auftritt wurde der Tenager jetzt von Unbekannten mit einem Kopfschuss schwer verletzt. Offenbar wollte der Täter die Gesangskarriere von Mutlu beenden, die in konservativen Kreisen als unschicklich galt.

 Statt nach der Schule zur Uni zu gehen, arbeitete Mutlu Kaya in einer Schulkantine, um ihre Eltern und ihre acht Geschwister zu unterstützen. Dennoch träumte sie weiter vom großen Erfolg und bewarb sich beim Talentwettbewerb „Schöne Stimme“ des Privatsenders Fox. Bei einer Vorauswahl im Frühjahr fiel Mutlu der bekannten Sängerin Sibel Can auf, die bei der Sendung als Jurorin fungiert. Can flog nach Südostanatolien, um Mutlu zu treffen und zur Teilnahme an der Show zu bewegen.

 Mutlus Durchbruch folgte im April, als sie bei „Schöne Stimme“ die Zuschauer verzauberte und den Wettbewerb gewann. Can plante ein Album mit der schwarzhaarigen und anmutigen Mutlu, die sie ihre „Prinzessin“ nennt. Sibel Can sei für seine Tochter so etwas wie eine zweite Mutter, sagt Mutlus Vater Mehmet.

 Doch bereits nach ihrem großen Erfolg hatte Mutlu Angst um ihr Leben. Laut Presseberichten vertraute sie Sibel Can an, ihre konservative kurdische Großfamilie betrachte die Gesangskarriere der unverheirateten jungen Frau als unschicklich und als Angriff auf die „Familienehre“, der nicht hingenommen werde. „Wir töten dich“, sei ihr gesagt worden.

 Nun schlugen die Täter zu. In der Nacht von Sonntag auf Montag arbeitete Mutlu zu Hause in Diyarbakir an neuen Liedern, als drei bis vier Personen an der Tür klingelten. „Mutlu dachte, es seien die Nachbarn“, sagte ihr Vater Mehmet Kaya. „Als sie die Tür öffnete, schossen sie ihr in den Kopf.“

 Mutlus Ärzte zeigen sich trotz der schweren Verletzungen zuversichtlich, dass sie das Leben der jungen Frau retten können. Unterdessen fragen sich die Türken, ob die junge Frau zum Opfer eines „Ehrenverbrechens“ wurde. Dabei bezahlen die weiblichen Opfer einen angeblichen Verstoß gegen die erzkonservative „Familienehre“, nach der Frauen im Haus bleiben müssen und keinerlei Kontakt zu fremden Männern haben dürfen, mit ihrem Leben.

 Die Polizei nahm Mutlus Freund Veysi Ercan fest, der zugab, er sei gegen die Gesangskarriere der 19-jährigen gewesen. Auch räumte er ein, er habe sich zur Tatzeit in der Nähe von Mutlus Wohnung aufgehalten und sei betrunken gewesen – er habe aber nicht geschossen. Laut Presseberichten hatte sich Mutlu schon vor Monaten an die Polizei gewandt, weil sie von Ercan bedroht wurde: Frauen in der Türkei sind keinesfalls nur durch „Ehrenverbrechen“ gefährdet, auch Eifersucht und männliche Besitzansprüche lassen die Gewalt gegen Frauen eskalieren. Allein in diesem Jahr wurden bereits 94 Frauen getötet.

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