Welt : War Judas gar kein Verräter?

„National Geographic“ präsentiert verschollenes Evangelium / Debatte um die Rolle des Jüngers

Christoph von Marschall[Washington]

Muss die Weltgeschichte mal wieder neu geschrieben werden? Eine gute Woche vor Ostern hat „National Geographic“ in Washington das so genannte Judas-Evangelium vorgestellt: 13 Blatt Papyrus, beidseitig beschrieben in koptischer Sprache, die die Debatte um den Jünger neu entfachen werden. War er der Verräter, zu dem ihn die traditionelle Interpretation der Bibel gemacht hat – der Wortgeber für Judaslohn und Judaskuss? Oder war er der entscheidende Erfüllungsgehilfe Gottes, ohne den Jesu Leiden nicht zur Erlösungsgeschichte werden konnte?

Diese zweite, judasfreundliche Interpretation tauchte über die Jahrhunderte immer mal wieder auf und hatte auch in den 1970er Jahren Konjunktur. Walter Jens forderte 1975 in „Der Fall Judas“ dessen Rehabilitation. In der 1971 uraufgeführten Rockoper „Jesus Christ Superstar“ ist Judas der nachdenklichste aller Jünger. Er streitet mit Jesus, warum der die irdische soziale Revolution verrät und ihn nötigt, den Meister auszuliefern.

Just um jene Zeit wurden in Ägypten 62 Seiten Papyri gefunden, die im Kunsthandel zwischen den Kontinenten wanderten und dann 16 Jahre verschollen waren. Sie enthalten neben dem Judas-Evangelium einen Brief von Petrus an Philippus und eine Apokalypse des Jakobus. 2001 erwarb die Baseler „Maecenas-Stiftung für antike Kunst“ den Fund für mehrere Millionen, ließ ihn erforschen, rekonstruieren und historisch einordnen.

Am Sonntag wird die Geschichte einem Weltpublikum vorgestellt: in einer zweistündigen Fernsehsendung des „National Geographic Channel“ in 163 Ländern und 27 Sprachen. In Deutschland ist sie ab 21 Uhr 10 über Kabel zu empfangen. Erst die Geheimhaltung und nun der Wirbel um die Veröffentlichung erinnern an die angeblichen Hitler-Tagebücher. Auch das „Judas-Evangelium“ ist nicht von Judas geschrieben worden.

Im Gegensatz zu den gefälschten Hitler-Tagebüchern sind sich die Forscher aber sicher, dass der Text ein authentisches historisches Dokument ist. Die Papyri sind im 4. Jahrhundert entstanden als koptische Übersetzung eines griechischen Manuskriptes früher Christen, so genannter Gnostiker, aus der Zeit um 150 nach Christus. Möglicherweise ist es der Text, auf den sich der Bischof von Lyon, Irenäus, um 170 nach Christus in seiner Widerlegung häretischer Schriften als „Judas-Evangelium“ bezieht. Der Fund ist keine Dokumentation, wie Judas die Welt sah. Der fiktive Dialog zwischen ihm und Jesus gibt vielmehr Einblick, wie ein Teil der Christen mehr als hundert Jahre nach der Kreuzigung über das Verhältnis der beiden diskutierte – lange bevor weltweite Großkirchen entstanden und zur Festigung ihrer Macht und ihres Zusammenhalts Dogmen entwickelten und ein verbindliches Judasbild.

An der Erforschung des Judas-Evangeliums beteiligte sich Gregor Wurst, Experte für koptische Schriften der Universität Augsburg. Er glaube nicht, dass Irenäus den Text vor 1800 Jahren vor sich hatte, sagte Wurst bei der Vorstellung des Evangeliums in den USA. „Er kannte ihn vermutlich vom Hörensagen.“

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