Welt : Waren wirklich alle hilflos?

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Von Uwe Soukup

Mehr als zwei Monate nach dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium haben Angehörige der Opfer, Ärzte und Polizeibeamte schwere Vorwürfe gegen die Einsatzleitung erhoben. Da die Polizei nicht entschlossen gehandelt habe, konnten die Rettungskräfte die Verletzten nicht versorgen, meldete das Hamburger Magazin „Stern“ am Dienstag vorab. Die Thüringer Landesregierung hatte den Einsatz hingegen in einem „vorläufigen Abschlussbericht“ als fehlerlos dargestellt.

Am 26. April hatte der 19-jährige Gymnasiast Robert Steinhäuser innerhalb von zehn Minuten zwölf Lehrer, zwei Schüler, die Schulsekretärin und einen Polizeibeamten erschossen. Anschließend beging er Selbstmord. Während einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche, als der Bericht der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, hatte der Thüringer Innenminister Christian Köckert (CDU) mehrmals hervorgehoben, daß „alle Opfer auch bei einer sofortigen medizinischen Notversorgung keine Überlebenschance gehabt hätten“. Genau an diesem Punkt setzt nun die Kritik an: „Der ganze Einsatz war die größte Scheiße“, zitiert der Stern einen ntlich nicht genannten Beamten eines Sondereinsatzkommandos. Wenn man wisse, dass es verletzte Kinder gebe, müsse die Eigensicherung der Polizeikräfte zurücktreten.

Stunden mit den Toten

Man habe aufgrund verschiedener Zeugenaussagen von einem weiteren Täter ausgehen und entsprechend vorsichtig sein müssen, verteidigte sich Köckert dagegen am vergangenen Dienstag. Zudem habe es vor Ort keinen nachvollziehbaren Fluchtwegeplan des „labyrinthartigen Gebäudes“ gegeben. Um keine Tatortspuren zu zerstören, mussten die Schüler in kleinen Gruppen an den verschiedenen Tatorten vorbeigeführt werden. Auch wollte man den Schülern den Anblick der Leichen ersparen, was jedoch nicht immer möglich gewesen sei.

Tatsächlich war ein Großteil der Kinder und Jugendlichen stundenlang mit dem Anblick der Leichen der getöteten Lehrer konfrontiert. Während sich die Erfurter Polizei zögernd verhielt, spielten sich in der Schule erschütternde Szenen ab. Zwei durch Bauch- und Beckenschüsse verletzte Kinder in der Klasse 8c seien noch zwei Stunden am Leben gewesen, zitiert der „Stern“ einen beteiligten Mediziner, den früheren Notarzt „Dr. Schneider“. Deren Wunden wurden demnach von ihren Mitschülern notdürftig mit Kleidungsstücken versorgt. Sanitäter gaben den Kindern per Handy Hilfestellung. Beide Kinder seien in den Armen ihrer Mitschüler gestorben. Auch zwei der zwölf Lehrer hätten dem elfseitigen „Stern“-Bericht zufolge gerettet werden können: Die Hilferufe des Biologielehrers Lehrers Hans Lippe hallten über eine Stunde durch das Schulhaus, berichtet das Blatt.

Eigenmächtiger Notarzt

Am Dienstagnachmittag hat das Innenministerium auf die Vorwürfe reagiert. Es bleibt bei seiner Darstellung, dass laut Obduktionsbericht keines der Opfer auch bei einer sofortigen medizinischen Notversorgung hätte gerettet werden können. „Insbesondere ist die Behauptung falsch, die Einsatzleitung habe sich für ein langsames Vorgehen entschieden.“ Weiter teilt das Ministerium mit, dass der im „Stern“ zitierte „Dr. Schneider“ ein ehemaliger Notarzt sei, „der sich ohne am Einsatz beteiligt zu sein und trotz des Hinweises der handelnden Notärztin, dass alle Opfer bereits tot seien, in das Gebäude begeben hatte.“ Im „Stern“ wird der Einsatz jenes Dr. Schneider dagegen als mutige Tat besonders hervorgehoben. Tatsächlich hatte er sich am Tatort nach Augenzeugenberichten über die zögerliche Haltung der Einsatzleitung hinweggesetzt.

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