Warenterminbörse : Wetten auf Hollywood

Auf der Warenterminbörse in Chicago können Spekulanten bald Kapital auf den Erfolg von Filmen setzen.

Rita Neubauer
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In Chicago machen Händler ihre Gewinne bislang mit Schweinebäuchen, Kakao oder Kaffee. Bald auch mit Filmen. -Foto: dpa

Wetten, dass „Alice in Wonderland“ ein Kinohit wird? Die 90 Männer und Frauen, die sich vor knapp zwei Wochen in einem Hotel in Los Angeles drängelten, glaubten Bescheid zu wissen. Lautstark wetteten sie auf den Erfolg des neuen Tim Burton Films, der auf dem besten Weg ist, mehr als 300 Millionen Dollar einzuspielen. Cantor Exchange, eine Tochter der New Yorker Finanzfirma Cantor Fitzgerald, hatte eingeladen, um ihr neuestes Produkt mit dem gleichen Namen vorzustellen. Es handelt sich um eine neue Terminbörse in Chicago, an der jedoch nicht mit Schweinebäuchen, sondern mit den Einspielergebnissen von Kinofilmen spekuliert wird. Insider wie Laien können dort ihr vermeintliches Wissen als Investoren versilbern.

Cantor Exchange, oder kurz CX genannt, ist die jüngste Verbandelung zwischen Hollywood und Wall Street. Zwischen diesen mögen zwar 4500 Kilometer und Welten liegen, am Erfolg und Misserfolg der Filme beteiligt ist die Wall Street seit langem. Die Studios finanzieren ihre Filme mit Wagniskapital.

Banken und Hedgefonds bringen Blockbuster wie „Avatar“ auf die Leinwand. Gleichzeitig versuchen sich immer wieder Wall Streets selbsternannte „Master of the Universe“, wie Warren Spector, der ehemalige Präsident der Pleite gegangenen Investmentfirma Bear Stearns, als Filmproduzenten.

Geld und Ego spielen in beiden Machtzentren eine große Rolle und kommen nun aufs Schönste zusammen, will man Richard Jaycobs glauben, dem Präsidenten von Cantor Exchange. „Ich arbeite seit langem schon in der Terminbörsenindustrie, und keines dieser Produkte hat diesen Reiz“, sagt der ehemalige Geschäftsführer der Baumwollbörse New York Cotton Exchange. „Dies hat einfach ein enormes potenzielles Publikum.“

Beispiel: Das Ridley-Scott-Drama „Robin Hood“ mit Russell Crowe, das Mitte Mai ins Kino kommt. Erwirbt ein Investor einen sogenannten „Domestic Box Office Receipt“ (DBOR) – das ist ein Kontrakt – beispielsweise zu einem Kurs von 200 Dollar, setzt er darauf, dass der Film mindestens 200 Millionen Dollar einfährt. Fährt der Film 250 Millionen Dollar ein, dann macht er 50 Dollar Gewinn. Ist er jedoch ein Flop und spielt nur 100 Dollar ein, dann verliert er die Hälfte seines Einsatzes.

Dass Kinogänger angeblich schon des längeren auf eine Terminbörse für Filme warten, zeige HSX.com, das Cantor Fitzgerald 2001 erwarb. Auf dieser Hollywood-Stock-Exchange-Internetbörse können Investoren und Spekulanten seit Jahren schon auf die Einspielergebnisse Hollywoods wetten – jedoch nur mit virtuellen Spieleinsätzen.

Rund 200 000 Nutzer „kaufen“ bereits Anteile an Hunderten von Filmen. Werden diese zum Kinohit, machen die HSX-Investoren eine Menge der sogenannten „Hollywood Dollars“. Beliebt ist HSX.com auch an Schulen und Universitäten als ein Mittel, Studenten das Investieren und das Auf und Ab der Börsen beizubringen. Doch wie risikoreich das Geschäft ist, zeigt „Avatar“. Die meisten HSX-User hatten auf einen Flop gesetzt.

Jaycobs hofft natürlich, einen Großteil der HSX-Fans rüber zu CX zu locken und damit kräftig Kasse zu machen. Eine weitere Vision: CX langfristig als Finanzierungsvehikel für die Unterhaltungsindustrie zu installieren, mittels dem Filmemacher mit ihrem Projekt an die Börse gehen. All dies lässt so manchen Beobachter erschaudern. Kritiker wittern eine Art Hightech-Kasino für Hobbyzocker, aber auch die Gefahr von Insiderhandel. „Die Natur von Terminbörsen ist nun einmal, dass viele Händler im gleichen Geschäft tätig sind“, notiert R. David Gary, ein Sprecher der Trading Commission. Ähnlich sehe es auch in Hollywood aus. Insider hätten enorme Vorteile, da sie als erste einen Film zu sehen bekämen. Auch sei Manipulation durch Werbebudgets ein Risiko.

Dass es ein „interessantes Experiment“ sei, glaubt Clark Hallren von Clear Scope Partners, ein Finanzberater in der Unterhaltungsindustrie. „Wer weiß mehr über einen Film, das Studio, das den Film produziert, oder das Publikum, das entscheidet, ob es den Film sehen will oder nicht“, fragt er in der „New York Times“. Einer seiner Kunden ist Veriana Networks, das demnächst CX auf dem gleichen Feld Konkurrenz machen will. Allerdings will Veriana nur „qualifizierte Investoren“ wie Studios oder WallStreet-Händler zulassen. Geht alles wie gewünscht, dann können Zocker bereits ab dem 20. April auf Filme wetten. Dann nämlich wird das endgültige „Go“ der US-Aufsichtsbehörde für CX erwartet – neun Jahre nachdem sich der Finanzkonzern an die Idee wagte. Doch dann kamen am 11. September 2001 die Anschläge auf das New Yorker World Trade Center, den Firmensitz des Unternehmens. 658 Mitarbeiter verloren damals ihr Leben.

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