Welt : Warnung vor Flughafen-Chaos

RAINER W. DÜRING

BERLIN . Die Luftverkehrsgesellschaften in Europa schlagen Alarm: 1999 droht ein neues Rekordjahr zu werden - immer mehr Maschinen drängen in den Luftraum, immer öfter kommt es zu Verspätungen auf den Flughäfen. Bereits 1998 galt für die Vereinigung europäischer Fluggesellschaften (AEA) als schwarzes Jahr. 23 Prozent aller innereuropäischen Flüge waren um mehr als 15 Minuten verspätet. 1999 soll es noch schlimmer werden. Bereits im März lag die Zahl der Verspätungen um 253 Prozent über dem Vergleichsmonat des Vorjahres.Rund 40 Prozent der Verzögerungen bei der Lufthansa sind nach Angaben des Unternehmens auf Mängel bei der europäischen Flugsicherung zurückzuführen. Bei der Chartertochter Condor sind es sogar drei Viertel. Erstmals, so Geschäftsführer Dieter Heinen, gebe es in diesem Jahr mehr Kundenbeschwerden über die Pünktlichkeit als über Gepäckprobleme bei der Condor.Knapp ein Drittel der verspäteten Flüge ist auf Umwege durch die Sperrung der Luftkorridore über Ex-Jugoslawien zurückzuführen. Nach dem Ende des Kosovo-Krieges sei es an der Zeit, die Flugverbotszone auf ein Minimum zu reduzieren, fordert der Generaldirektor der internationalen Luftverkehrsvereinigung IATA, Pierre J. Jeanniot.Doch auch das wäre nur ein Tropfen auf dem heißen Stein: Rund 50 Luftverkehrskontrollzentren mit über 30 verschiedenen, nationalen Überwachungs-Systemen tragen zum Chaos am europäischen Himmel bei. Über den Wolken ist von der europäischen Harmonisierung noch nichts zu spüren. Die multinationale Flugsicherungsorganisation Eurocontrol, die die Kapazitäten im Luftraum vorgibt, hat zwar 28 Mitgliedsstaaten, aber wenig Einfluß und keine Weisungsbefugnis. So hält sich nur ein Teil der Länder an ihre Kapazitätsvorgaben.Dazu kommen Engpässe an vielen Flughäfen, die einen pünktlichen Start verhindern. Negativ-Spitzenreiter ist dabei der italienische Flughafen Mailand-Malpensa, wo im ersten Quartal des Jahres nach einer von den europäischen Flughäfen erstellten Statistik 56 Prozent aller Starts um durchschnittlich 48 Minuten verzögert waren. Die Tatsache, daß Landungen zunehmend mehr verspätet sind als Starts, je weiter man in den Südosten Europas kommt, gilt als Zeichen für die zunehmenden Probleme der Piloten, einen möglichst kurzen Weg über den Kontinent zu finden.Trotz der "dramatischen Verspätungssituation in Europa" und der "berechtigten Beschwerden der Fluggesellschaften" seien noch nicht alle europäischen Staaten zu durchgreifenden Reformen bereit, klagt der Chef der Deutschen Flugsicherung (DSF), Dieter Kaden. 27 Millionen zusätzliche Flugminuten gab es 1998 aufgrund von Verkehrslenkungsmaßnahmen, die durch Kapazitätsengpässe vor allem im südeuropäischen Luftraum entstanden. Nur sieben Prozent davon wurden von deutscher Seite veranlaßt, 24 Prozent allein von Frankreich.Die Deutsche Flugsicherung, deren Lotsen täglich bis zu 8000 Flüge im Luftraum der Bundesrepublik kontrollieren, hat zusammen mit ihren Kunden in diesem Jahr einen Plan mit 55 Punkten verabschiedet, um den Luftverkehr zu beschleunigen. Viele dieser Schritte können jedoch nur dann greifen, wenn auch die europäischen Nachbarländer mitziehen.Bereits im Mai hat IATA-Boß Jeanniot vor dem sich abzeichnenden Horrorszenario gewarnt, doch sein Ruf ist ungehört verhallt. "Das ist eine vermeidbare Krise und die Luftverkehrsgesellschaften werden weiter Druck auf die Staaten ausüben, die Flugsicherung zu verbessern", sagt Jeanniot.Für diesen Sommer dürfte es aber zu spät sein. "Wir können unseren Passagieren nur versichern, daß wir alles tun, um die Flugsicherung zu verbessern", so AEA-Generalsekretär Neumeister. "Ich empfehle den Flugreisenden, sich zu beschweren. Aber an der richtigen Adresse, bei den europäischen Verkehrsministern. Sie haben den Schlüssel für eine bessere Lösung in der Hand."

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