Welt : "Warten auf die Barbaren": Die schwarze Blume wuchert

Tomas Fitzel

Manchmal muss man alles auf den Kopf stellen, aus weiß schwarz und aus Süd Nord machen, um die eigene Gegenwart besser sehen zu können. John Marie Coetzee verlegt in seinem Roman den eigentlichen Ort, Südafrika bzw. Namibia, auf die Nordhalbkugel und in eine unbestimmt historische Zeit - man gebraucht Musketen, Rüstungen, aber auch Bleistifte. Coetzee vermeidet jede Andeutung darüber, ob diese Barbaren schwarz oder weiß seien. Wenn der Leser dennoch sofort die Hautfarbe der Beschriebenen assoziiert, dann nur, weil er seinen Vorurteilen nicht entkommt.

Die Barbaren sind immer die anderen. Für die Griechen waren sie zuerst einfach die Nicht-Griechen, die ein ihnen unverständiges bla-bla, bara-bara stammelten, später aber dann die Feinde der hellenistischen Kultur schlechthin. Die Bedrohung durch die Barbaren ist, dass man sie nicht versteht. "Das ist eben ihre Verschlagenheit", meint der Ich-Erzähler in Coetzees Roman. Als Magistrat und Richter befehligt er ein Grenzstädtchen eines großen Reiches inmitten unendlich wüstenhafter Gebiete. Viel zu tun gibt es nicht, das Leben geht dort seinen ruhigen Gang, und in seinen Mußestunden gräbt er aus den Sanddünen die Ruinen einer früheren Siedlung aus. Fürchtete bereits auch diese Kultur die Barbaren? Er findet kleine hölzerne Schriftplättchen, deren Sinn er nicht zu enträtseln vermag.

Er stellt sich vor, dass unter dem Sand, direkt unter seinen Füßen vielleicht ein Gerichtsgebäude und das Skelett eines Magistrats begraben sein könnte, wie er einer ist, und dessen Stadt unterging, als er "den Barbaren Aug in Aug gegenüberstand." Eine unendliche Kette von einander ablösenden Kulturen entsteht so in der Vorstellung. Auch Coetzee steht mit den Füßen auf den Schultern eines anderen: Franz Kafka. In einem seiner Oktavhefte schreibt Kafka an einer Stelle von Tempelbausteinen, die mit "unbeholfenem Gekritzel sinnloser Kinderhände oder vielmehr Eintragungen barbarischer Gebirgsbewohner" versehen waren. Coetzee bezieht sich auf Kafka, weil er an dessen Form der Mythenrezeption anknüpft, die das verdrängte, archaische Denken im modernen, in den Grundprinzipien der gegenwärtigen Zivilisation offenlegt.

Eines Tages kommt ein Oberst Joll von der berüchtigten Abteilung III der Staatspolizei in der Garnisonsstadt an. Er trägt eine Sonnenbrille. Der Magistrat, der bis dahin noch nie eine zu Gesicht bekam, fragt sich im ersten Augenblick, ob Joll blinde Augen damit verstecken wolle. Ohne Blinzeln und Augenkneifen, erklärt ihm dieser, könne er damit in der blendenden Helle der Wüste sehen. Und dies charakterisiert ihre verschiedenen Weisen der Wahrnehmung: blinzelnd oder unbewegt starr. Joll ist von sich absolut überzeugt, im Gegensatz zum Magistrat.

Dieser widersetzt sich dem Obersten nicht, auch dann nicht, als Joll Gefangene machen lässt und foltert. Doch die Gesten der christlichen Barmherzigkeit sind dem Magistrat selbstverständlich: in Anlehnung an die Bibel wäscht er einem misshandelten Mädchen die Füße. Er ist von ihr fasziniert, und der Versuch, ihr Bild aus seinem Gedächtnis "auszulöschen", misslingt.

Ihr Körper ist von den Zeichen des Schmerzes übersät. Fast erblindet vermag sie nur noch ein wenig aus den Augenwinkeln heraus zu sehen. Er ist überzeugt: "Eh ich nicht die Zeichen auf dem Körper dieses Mädchens entziffert habe, kann ich nicht von ihr lassen". In einem beschwerlichen Ritt durch die Wüste bringt er sie zu ihrem Barbarenvolk zurück. "Sag ihnen die Wahrheit", fordert er die Blinde auf. Bei seiner Rückkehr wird er mit einer anderen Wahrheit konfrontiert: Für Oberst Joll ist er ein Verräter. Die Holztäfelchen, die der Magistrat zu allegorischen Spekulationen gebrauchte, werden ihm als Geheimbotschaften ausgelegt. Dass sie nicht entschlüsselbar seien, kann Oberst Joll nicht gelten lassen, denn für ihn, wie für alle Fundamentalisten, existiert nur eine einzige Wahrheit.

Der Magistrat wird seines Amtes enthoben, eingesperrt und schließlich gefoltert. Er muss durch ein ganzes Purgatorium der Demütigungen hindurch, bis zur untersten Stufe der nackten Existenz. Alle Grenzen sind aufgehoben, es gibt keine Scham mehr, wer Barbar ist und wer nicht, ist ununterscheidbar geworden. Die "schwarzen Blume der Zivilisation" blüht, kommentiert er den Bau neuer Gefängniszellen.

Aber er überlebt. Oberst Joll und seine Soldateska ziehen ab. Geschlagen von der eigenen Blindheit wurden sie selbst zu Nomaden, irrten durch die Wüste, ohne aber ihre vieldeutigen Zeichen lesen zu können, und bekamen die wirklichen Barbaren nie zu Gesicht. Der Magistrat baut aus den Trümmern die Stadt erneut auf. Doch weder sieht er sich zum Richter oder Sieger der Geschichte berufen, noch als heroischer Märtyrer. Sein Fehler war, dass er außerhalb der Geschichte leben wollte. Er legt sich selbst gegenüber Rechenschaft ab und kommt zu dem Schluss: "Ich war die Lüge, die sich das Reich erzählt, wenn die Zeiten ruhig sind". Oberst Joll war da nur die andere, ungeschönte Seite der Herrschaft, mehr nicht.

Neben den Kafkaanspielungen durchziehen den gesamten Roman christlich biblische Bilder, und in deren schnörkellosen, sehr klaren und sehr eindringlichen Sprache ist er auch geschrieben. Mit dem Gleichnis vom Balken in den Augen, das die Frage des Sehens erneut thematisiert, endet der Roman. "Etwas ist mir förmlich in die Augen gesprungen", so der Magistrat, "und doch kann ich es nicht sehen."

Trotz der Ungewissheit ist das also ein verhalten optimistisches Ende. Wie hieß es bei Brecht? "Einmal verrannen die schwarzen Gewässer. Freilich wie wenige dauerten länger" - der Spuk der Gewalt und der Apartheid ging vorüber, und so ist Coetzees Roman, viele Jahre vorausweisend, heute in der Gegenwart angelangt.

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