Welt : Warten und Tee trinken

Hendrik Bebber

Beim Abschied von Queen Mum konnten die Briten ausgiebig ihren nationalen Leidenschaften - Schlangestehen und Teetrinken - frönen. Oft staute sich das Trauervolk in Viererreihen fünf Kilometer vor der Westminster Hall, um den aufgebahrten Sarg noch rechtzeitig zuerreichen, bevor heute vormittag der große Trauergottesdienst stattfindet. Die bittere Kälte vertrieb der heiße Tee und die Langweile die Reporter, die tausendfach die gleiche "Floskel" in den Kurzinterviews erfuhren: "Dank und Respekt", trieb die Briten aus allen Teilen des Königreiches dazu, sich in die lange Trauerschlange einzureihen und bis zu zwölf Stunden zu warten. Ein junger Passant hingegen, der Wichtigeres vorhatte, eilte an dem Menschenstrom vorbei und rief einer Radioreporterin ironisch zu: "Ich warte hier fünf Stunden, weil ich kein richtiges Leben habe".

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Damit hat er wohl teilweise recht. Wie bei der Beisetzung von Prinzessin Diana fühlen viele spontan den Drang, Teil eines "einzigartigen historischen Ereignisses" zu sein, das den normalen Alltag durchbricht und zudem nichts kostet. Aber die Volksstimmung ist bei der Königinmutter völlig anders als seinerzeit bei der Hysterie um die tote Prinzessin. War es damals eine Art emotionaler Aufstand gegen die Monarchie, so ist es jetzt geradezu eine Demonstration für diese Institution. Was ihr im Leben wegen der vielen Skandale der jungen Royals nur teilweise gelang, erreichte die Königinmutter nun mit ihrem Tod. Sie stellt mit dem bombastischen Zeremoniell das Mysterium der Monarchie wieder her. Nur ist die plötzliche Popularität ihrer Familie eigentlich kein "Neubeginn", wie britische Zeitungen schwärmen, sondern die Restaurierung des alten Idealzustandes.

In seiner klassischen und bis heute unübertroffenen Analyse "Die englische Verfassung" schrieb Walter Bagehot 1867, dass die Rolle der Monarchie weniger durch ihren politischen Einfluss als durch Würde, Glanz und Zeremonie ihrer "sichtbaren" Repräsentanten gestärkt wird. Bagehot kritisierte damals Königin Victoria, die nach der Trauer um Prinz Albert jahrzehntelang für das Volk "unsichtbar" blieb und damit eineschwere Krise heraufbeschwor.

"Sichtbarer" als jetzt bei der Trauer um ihre Matriarchin könnte das Haus Windsor gar nicht sein. Millionen sehen, wie ihre Mitglieder in dem prächtigen Trauerzug mitmarschieren und die Königin und Prinz Charles klagen würdevoll im Fernsehen. In Admiralsuniformen auf ihr Schwert gestützt erinnerten Charles und Andrew keineswegs an ihre Eheskandale, die die Monarchie erschütterten. Ihre Rolle hatte Bagehot gewiss im Sinn, als er schrieb: "Die Nation wird durch eine Familie repräsentiert - die Königliche Familie. Und wenn diese Familie Verantwortung und Pflichtbewusstsein zeigt, dann kann man ihren heilsamen Einfluss auf die Nation nicht übertreiben."

Die zuweilen aufkommenden Diskussionen um das Ende der britischen Monarchie drehen sich in den breiten Volksschichten nie um diesen verfassungsmäßigen Anachronismus, sondern immer um das Wohlverhalten und das Image der königlichen Familie. Die prinzipiellen Republikaner in der intellektuellen und kritisch politischen britischen Oberschicht erfuhren durch den Tod der Königinmutter einen schweren Rückschlag. Die "Untertanen Ihrer britischen Majestät" wurden Zeugen eines ebenso würdigen wie prachtvollen Spektakels und der Selbstdarstellung einer Nation, die keine Republik übertreffen kann. Sie wurden dazu Zeuge einer Effizienz, Professionalität und Organisationsgabe, die sie bei ihren Politikern vermissen. Der höchst komplexe Trauerzug für die Königinmutter erreichte genau 29 Minuten nach dem geplanten Zeitpunkt sein Ziel. Das ist die Durchschnittsverspätung eines Zuges der britischen Eisenbahnen.

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