Welt : Warum bauen Kinder immer Höhlen?

Pascale Hugues

Kinder können mit den hohen Decken in unseren Erwachsenenwohnungen nicht viel anfangen. Sie verlieren sich in diesen Räumen, die für Riesen gedacht sind. Und weil sie Zimmer brauchen, die auf ihre Größe zugeschnitten sind, werden sie am Sonntagmorgen, wenn die Eltern noch schlafen, zu talentierten Höhlenbauern.

In wenigen Minuten ist die schöne Harmonie des Wohnzimmers zerstört. Mit Decken, Kissen, Bettdecken und Handtüchern erschaffen sie weiche und kuschelige Gemächer, winzig wie Mäusenester und durch dunkle enge Gänge verbunden. Manchmal linst ein fröhliches Gesicht durch die kleine Öffnung, die als Fenster dient. Manchmal rast ein hungriges Kind in die Küche und schleppt vorsorglich Vorräte in die Höhle: eine Banane, einen Riegel Schokolade, der auf dem hellgelben Sofabezug schmilzt und eine untilgbare Erinnerung an jenen wunderschönen Morgen hinterlässt, ein Brot mit Heidelbeermarmelade, die die blassgrüne Mohairdecke ruiniert. Die Kinder errichten kunstvolle Bauten. Besonders gut gefallen ihnen labile Konstruktionen, die sofort mit Hilfe von Stühlen und Stapeln von Lexika stabilisiert werden müssen.

Sie allein finden sich in den verschlungenen Pfaden ihres Labyrinths zurecht. Und die Höhlen der Kinder haben mit dem langweiligen Rechteck des Zimmers nicht mehr viel gemeinsam, sie spotten der Geometrie. Ihre Wände sind schräg, die Decken gewellt. Und doch sind Kinder konservativ. In dieser dunklen unterirdischen Welt reproduzieren sie die Aufteilung der elterlichen Wohnung. Im Haus der Großen bauen sie ihr kleines Haus. „Hier wäre die Küche!“, bestimmt eine helle Stimme unter einer Kissenpyramide. „Und da das Schlafzimmer!“, antwortet ein Mitbewohner und stopft eine Decke in einen Spalt im Gebäude. Die Höhle ist eine Miniaturwohnung.

Wenn die Eltern am Sonntagmorgen endlich aufstehen, ist das Wohnzimmer zum Beduinenlager geworden. Als Feuerstelle dient den Nomaden der Couchtisch. Und die Zimmerdecke hat sich in das bestirnte Himmelsgewölbe über der Wüste verwandelt. Erst zum Frühstück kommen die Kinder wieder aus ihrer Höhle gekrochen. Kissen, Decken und Bettlaken werden in die Schränke geräumt.

Bis zum nächsten Sonntag.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

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