Welt : Warum legte die Polizei nach?

H. ELIAS FRÖHLICH

LUZERN . Die US-Blues-Sängerin Marla Glen, sie war ein Mann. Frau ist sie erst seit 1993. Das stellte sich in Luzern heraus. Auf der Bahnhofstoilette war die Sängerin mit der tiefen Stimme und dem männlichen Outfit vorübergehend festgenommen worden. Sie hatte kein Schweizer Kleingeld für die Benützung der Edel-Toilette "McClean" dabei. Die Toilettenfrau machte kurzen Prozeß, schloß die Tobende ein und rief die Polizei.Die enthüllte anderntags das Geheimnis um das umgewandelte Geschlecht der Blues-Diva. "Der Reisepaß von Marla Glen, der im Rahmen der Personenkontrolle im Polizeiposten Bahnhof vorgelegt wurde, weist sie als Mann aus", hieß es in der Medienmitteilung der Polizei. "Im Paß steht unter der Rubrik Geschlecht "m" für "male" (männlich)." Um ein paar Stunden später in einem Zusatz-Bulletin noch konkreter zu werden. "Im hinteren Teil des US-Passes stießen die Beamten auf einen Nachtrag vom August 1993: "Female" (weiblich)". Diese Auskunft greift ihr Persönlichkeitsrecht an", protestiert Konzertveranstalter Thomas Dürr. "Die Polizei versucht jetzt, die ruppige Behandlung zu rechtfertigen."Zwei Beamte hatten Marla Glen erst mit Pfefferspray kampfunfähig gemacht und dann ziemlich brutal abgeführt. Die Sängerin, völlig ausgerastet und hysterisch durch die rüde Behandlung, hatte um sich geschlagen, gekratzt und gebissen. "Es hat keine Leibesvisitation stattgefunden. Wir wissen nichts über ihre primären Geschlechtsmerkmale", ließ ein Pressesrecher der Luzerner Kantonspolizei ausrichten."Blödsinn", ereifert sich Veranstalter Dürr. "Polizeichef Stocker hat mir persönlich gesagt, die Beamten hätten bei der Leibesvisitation ganz klar festgestellt, daß Marla Glen eine Frau ist." In Luzern machen nun wilde Spekulationen die Runde: War es eine Geschlechtsumwandlung oder hatten sich die US-Behörden vielleicht nur vom burschikosen Auftreten Marla Glens täuschen lassen und ihren Fehler dann später korrigiert?Als die Polizisten die Sängerin mit der tiefen Stimme festgenommen hatten, waren sie sich jedenfalls noch sicher, einen Mann vor sich zu haben. "Die Toilettenfrau rief unsere Beamten wegen eines randalierenden Mannes in der Herrentoilette", meint Polizeisprecher Rolf Koch. Außerdem habe sich die meist in Herrenanzügen auftretende Sängerin bei ihrer Festnahme "eher wie ein Mann" aufgeführt. Die Beamten hätten deshalb zunächst keinen Grund gehabt, am Geschlecht des "renitenten Mannes" zu zweifeln. Glaubt man der Polizei, so hat Glen sich auch bei der anschließenden Befragung auf der Wache nicht als Frau zu erkennen gegeben, weshalb sie auch von einem männlichen Beamten zur Leibesvisitation geführt wurde. Als sie ihr Hemd auszog, war sich der Beamte allerdings sofort sicher, eine Frau vor sich zu haben. Ihre Hose wollte und mußte Glen dann nicht mehr ausziehen.Nun stellt sich die Frage, warum die Polizei mit ihren zweifelhaften Angaben zum Geschlecht von Marla Glen überhaupt an die Öffentlichkeit ging. Schließlich ging es bei dem Streit mit der Klofrau nur darum, daß die Sängerin kein Schweizer Geld zum Bezahlen der Toilettenbenutzung bei sich hatte und nicht um die Frage "Darf eine Frau das Männerklo benutzen?".Fest steht bislang nur, daß die Provinzposse um die Festnahme einer lesbischen Bluessängerin als "Luzerner Toilettenaffäre" in die Annalen der Stadt eingehen dürfte. Einigen Einwohnern der Stadt am Vierwaldstättersee ist das gar nicht recht. Sie bangen nun um den Ruf ihrer Stadt. Dürr wehrt sich für seine Künstlerin. Sie sei keine muskulöse Frau, sondern eine zarte Person. "Die Polizei hatte Glück, daß kein Kamerateam dabei war. Das sah nicht schön aus, wie sie die weltberühmte Sängerin behandelten. Nur weil sie am Abend in Luzern ein Konzert gab, mußte sie nicht die Nacht in der Arrestzelle verbringen. Ein Normalbürger wäre da nicht so schnell rausgekommen."Frau oder Mann: Marla Glen ist bekannt für rüdes Benehmen. Auf der Bühne geht sie oft unter die Gürtellinie, flucht wie ein Berserker. Joints und massenhaft Champagner gehören zu ihren Aufputschmitteln.Rico Fischer, Manager des Schweizer Hitstars Kisha, war als Promotion-Manager der Glen-Plattenfirma BMG Ariola jahrelang mit der Künstlerin unterwegs: "Sie kam mir immer sehr männlich vor. Ob Frau oder Mann, da war ich mir nie ganz sicher. Ich nahm an, die androgyne Sängerin sei eine Frau mit ausgeprägten männlichen Hormonen. Sie stand knallhart auf Frauen, war hinter jedem Rock her."Aber auch Männer gehörten zum "Menue"-Plan der meist mit Hut, Hosenträgern und Krawatte auftretenden Künstlerin. "Did we already fuck together?", fragte sie einst unverblümt einen Fotografen, der sie in einem Hotelzimmer ablichtete.Marla Glen 1997 in einem Interview: "Manchmal fühle ich mich so einsam und möchte weinen, weil viele Leute die Unwahrheit über mich schreiben."Ihre eigene Biografie schmückt sie mit großen Namen: B.B. King sei der Hausfreund ihrer Mutter gewesen, Muddy Waters habe ihr die erste Mundharmonika und ein Buch über Musiktheorie geschenkt. Für Bo Diddley habe sie das Haus gehütet, für Nina Simone gar als Putzfrau, Köchin, Chauffeur und Leibwächterin gearbeitet.

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