Welt : Warum spinnen wir so gern?: Eine geniale Konstruktion

Matthias Glaubrecht

Pfui Spinne. Kein anderes Tier fällt so oft unseren Phobien zum Opfer. Ihre raffinierte Beutestrategie macht die sprichwörtliche Spinne im Netz nur noch suspekter. Und immer wenn wir Großreinemachen, fällt ihr kunstvolles Gewebe dem Mob zum Opfer. Weil es als Synonym für alles Verstaubte gilt, als sicheres Indiz für den vernachlässigten Haushalt. Welch grausame Ignoranz. Denn erst der Schmutz, der ohne ihr Zutun durch unsere vier Wände staubt, macht das Netz für unsere Augen sichtbar.

Die feinen Spinnfäden etwa im Radnetz einer Kreuzspinne haben gerade mal einen Durchmesser von 0,15 Mikrometer (ein Mikrometer sind ein millionstel Meter). Um solch feine Fäden erkennen zu können, bedarf es 160-facher Vergrößerung. Dass wir sie dennoch ohne Lupe sehen, liegt an der Reflektion von Lichtstrahlen, Tautropfen oder anhaftendem Staub, der uns den Seidenfaden viel breiter erscheinen lässt.

Arachnologen heißen jene Zoologen, die sich wissenschaftlich mit Spinnen beschäftigen. Von ihnen lernen wir, wie unrecht man den harmlosen, aber nützlichen Tieren nebst ihren Netzwerken tut. Denn die Seidenkünstler sind nicht nur elegante Eroberer des Luftraums, ohne selbst fliegen zu können; sie sind Spitzenprodukte der Evolution mit ausgefallener Fortpflanzungstechnik, die von der Selbstaufopferung bis zum Geschlechter-Kannibalismus reicht.

Dabei sind durchaus nicht alle Spinnenarten aggressive Einzelgänger oder gar Männchen mordende Schwarze Witwen, die noch während des Koitus ihre Liebhaber vernaschen. Stegodyphus zum Beispiel. Die Weibchen dieser afrikanischen Gattung leben am liebsten in WG-gleichen Kolonien. Während sonst Spinnen alles fressen, was einmal in ihrem Netz zappelt, überleben die Jungen dieser Art inmitten des Geflechts, partizipieren von der gemeinsamen Beute. Das Netz wird gleichsam zur sozialen Hängematte.

So weit die Soziologie. Für Werkstoff-Experten sind Spinnenfäden noch faszinierender. Sie haben dieses biologische Material inzwischen sogar als Vorbild für technische Produkte entdeckt. Im Großen gilt dies für das Münchner Olympiastadion, das dem Dach einer Deckenspinne abgeschaut ist; im Kleinen sind es die weniger als 0,001 Millimeter dünnen, aber überaus stabilen und reißfesten Spinnfäden der echten Webspinnen.

Elastischer als jede synthetische Faser

Forscher haben erkannt, dass die Zugfäden, an denen sich Spinnen bei Gefahr blitzschnell fallen lassen, oder jene Fäden, an denen sie ihre Netze aufhängen, durch Besonderheiten der Molekülanordnung im Seidenprotein weitaus elastischer sind als die besten synthetischen Fasern. Sie würden unter ihrem Eigengewicht erst reißen, wenn sie auf 80 Kilometer Länge gespannt würden - was für eine Herausforderung für den Bungee-Springer mit Sinn für den besonderen Kick.

Produziert wird dieser ganz besondere Stoff von Spinndrüsen am Hinterleib. Diese Fabriken für tödliche Qualitätsware sind aus umgewandelten Laufbeinen hervorgegangen, glauben Evolutionsbiologen. Die Vorfahren der Webspinnen dürften einst aus speziellen Drüsen an der Basis ihrer Beine eine Art Duftspur gelegt haben, wie dies andere mit den Spinnen verwandte Gliedertiere tun. Im Laufe der Evolution wurden diese Beindrüsen bei den Ahnen der Achtbeiner zu speziellen Spinnwarzen umfunktioniert, die heute Seidenfäden produzieren. Der Clou dabei: Die Seidennetze fangen nicht nur Beute ein, sondern garnen oder kleben sie an der Fangspirale fest.

Radnetze bauende Spinnen legen diese auf zweierlei Weise aus. Die eine Gruppe - sogenannte "Kräuselfadenweberinnen" - toupieren den Achsenfäden ihrer Netze eine aus speziellen Spinndrüsen austretende Fangwolle durch bürstende und abwechselnde Bewegungen ihrer haarigen Hinterbeine schubweise auf. Sie lassen den Kräuselfaden wie ein Klettband zur Insektenfalle werden. Eine zweite Gruppe - die "Klebfadenweberinnen", zu denen auch unsere heimische Gartenkreuzspinne zählt - benutzt dagegen mit Leim versehene Fäden zum Beutefang. Die Spinne selbst wandert über die trockenen Speichen der Spirale, um sich nicht selbst auf den Leim zu gehen.

Wer nun glaubt, alle Spinnen spinnen, der irrt. Die eindrucksvollen, oft perfekt symmetrischen und raumgreifenden Radnetze der Webspinnen aus der Familie der Araneidae, sind lediglich das modernste Fanggerät der Spinnen. Dass es auch anders geht, beweisen die Heerscharen achtbeiniger Fallensteller, Ansitz- und Lauerjäger. Und selbst jene, die ihre Netze auswerfen, tun dies mitunter auf höchst raffinierte Weise: kaum eine Beutetechnik, die Spinnen nicht erfunden hätten. Da gibt es Falltüren- und Röhrennetze, Fangschlauchnetze, Fußangelnetze mit Klebfäden, Scheibennetze mit Stolper- und Signalfäden, Decken-, Hauben- und Kuppelnetze, Gespinst- und Zeltdachnetze, Maschen- und Gerüstnetze - all dies höchst wirkungsvolle Fallen, die Spinnen zu einer der ökologisch wichtigsten räuberisch lebenden Tiergruppe der Erde machen. Denn so unterschiedlich die Architektur der Spinnennetze auch sein mag; sie alle dienen demselben Zweck: die Beute, die nicht selten größer ist als die Spinne selbst, einzufangen und festzuhalten.

Erst dann kommt das Spinnengift zum Einsatz; ein Enzymbrei, den die Spinne dem Opfer über die Mundwerkzeuge (die Cheliceren) injiziert, um die Beute zu lähmen und gleichsam extern vorzuverdauen, um diese anschließend "auszuschlürfen". Denn Kauwerkzeuge haben Spinnen nicht. Über den Fang hinaus dient vielen Spinnen das Netz zugleich als Vorratskammer, wo die einmal eingesponnene und derart verpackte Beute gelagert wird, wie bei uns die Wurst in der Speisekammer.

Nicht geklärt ist, wie und wann Spinnen - evolutiv gesehen - auf die Idee mit den raumgreifenden Radnetzen gekommen sind. Einige Arachnologen sind sich durch-aus spinnefeind, was die Netz-Frage angeht. Immerhin, so erklärt die Spinnenforscherin Karin Schütt vom Museum für Naturkunde in Berlin, hätten seidige Fäden spinnende Spinnen bereits im mittleren Devon - vor rund 380 Millionen Jahren - gelebt. Aus dieser Zeit sind fossile Spinnen bekannt, die bereits echte Spinndrüsen an ihrem Hinterleib besaßen. Dass sie diese jedoch zu einem kunstvollen Netz verwoben haben, ist unwahrscheinlich. Überdies fehlt aus dem Devon auch noch der fossile Beleg jener flugfähigen Beutetiere unter den Insekten, für die sich zumindest der aufwendige Radnetzbau gelohnt hätte.

Immerhin aber gibt es Hinweise, dass echte Webspinnen bereits in der Unterkreide, vor rund 150 bis 180 Millionen Jahren, gelebt haben. Fossile Spinnen, die Forscher in nordspanischen Kalbablagerungen dieser Zeit entdeckten, wiesen besondere krallenartige Einrichtungen an den Enden ihrer Laufbeine auf. Diese speziellen Krallen ermöglichen es modernen Netzspinnen, in ihrem Fangnetz zu laufen, ohne sich darin selbst zu verstricken.

Die Architektur der Seidenfabrikate umfasst eine erstaunliche Produktpalette und lohnt eine genauere Betrachtung. Einfache röhrenartige Wohngespinste am Boden dürften die ursprünglichste Netzform gewesen sein. Solch ein Gespinst bauen fast alle heutige Spinnen wenigstens irgendwann einmal in ihrem Leben. Es dient ihnen als Häutungskammer, Schlafplatz oder Schlupfwinkel.

Bei anderen Spinnenarten strahlen Stolper- und Signalfäden in die Umgebung aus. Sie vergrößern damit die überwachte Fläche und melden das Nahen potenzieller Beute. Allerdings leben die Spinnen selbst dabei auch nicht ganz ungefährlich. Denn um an ein Beutetier zu gelangen, das sich im Netz verfangen hat, müssen etwa Röhren- und Trichterspinnen ihre schützende Heimstatt verlassen. Während sie auf Beutefang sind, setzen sie sich also Fressfeinden aus.

Hinter der Falltür lauert die Spinne

Andere Spinnen arbeiten als Falltüren-Spezialisten. Sie lauern versteckt in ihrer Erdröhre, deren Öffnung sie mit einer Art Gespinst-Falltür bedeckt haben. Nur die Vorderbeine strecken sie als Fühler unter der leicht angehobenen Tür hervor und springen vorbeilaufende Insekten aus diesem Versteck an.

Noch besser geschützt sind die Baldachinspinnen. Sie legen im Gras oder niedrigen Gebüsch einen dicht gesponnenen, waagerechten Gespinstteppich aus, unter dem sie lauern. Darüber bilden zahlreiche zeltartig nach oben verlaufende Spinnfäden einen wahren Faden-Dschungel zum Fang der Tiefflieger unter den Insekten. In ihrem Flug behindert, stürzen diese ab und landen auf dem Baldachin. Zwar fallen sie in dieses Trapez weich wie ein Zirkusartist nach dem Fehlgriff, doch verstricken sie sich mit jeder Bewegung tiefer im Fadengeflecht. Die Baldachinspinne greift dann von unten an; ein lähmender Biss und das eben noch muntere Insekt ist nunmehr eine Mahlzeit.

Die eigentlichen Radnetzspinnen dagegen haben ihre Netze senkrecht in den Raum gestellt, und sind ihrer Beute damit auf höchst raffinierte Weise gleichsam in die Luft gefolgt. An nur wenigen Haltepunkten aufgehängt, kommen sie mit weniger Fadenmaterial aus als Baldachin- und Trichterspinnen. Ihr einstiges Deckennetz spinnen sie zudem zur kunstvoll-symmetrischen Spirale. Viele Radnetzspinnen verbergen sich seitlich etwa unter einem Blatt als Versteck und sind mit dem Netz nur durch einen Signalfaden verbunden, der vom Fang der Beute kündet. Andere wie etwa die Wespenspinnen lauern mitten im Netz; fühlen sie sich trotz ihrer abschreckenden Wespenzeichnung bedroht, setzen sie ihr Netz in Schwingungen, mit dem sie dann wuchtig vor und zurück pendeln.

Bleibt die Frage, warum einige Spinnen diese perfekten Netzspinnereien später wieder aufgegeben haben. Unter ihnen sind solche, die als einfache Jäger frei umherlaufen, um zufällig angetroffene Beute zu ergreifen. Ein Rätsel der Evolution. Immerhin haben aber einige dieser Jäger ihr Methoden verfeinert. Wie etwa die Bola-Spinne, sie macht Beute mit einem klebrigen Fangfaden. Technisch anspruchsvoller ist das Vorgehen der Speispinne, sie spuckt aus kurzer Entfernung ein Gemisch aus Leim und Gift auf ihre Opfer; mittels jeweils zweier Spuckstrahlen, die sich als kreuzende Fäden über die Beute legen, klebt diese am Untergrund fest. Und dann sind da noch die Springspinnen. Sie haben hoch auflösende Augen, mit denen sie anders als viele andere Spinnen bewegungslose Beutetiere genau erkennen und sie erfolgreich anschleichen. Gleichsam ohne Netz und doppelten Boden sind auch sie perfekte Jäger.

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