Welt : Warum tun Sie mir das an?

Empörung nach US-Urteil gegen englisches Au-pair-Mädchen CAMBRIDGE/LONDON (Tsp).Mit großer Empörung hat die britische Öffentlichkeit auf die Verurteilung des englischen Au-pair-Mädchens Louise Woodward in den USA reagiert.Die 19jährige wurde wegen Mordes an ihrem acht Monate alten Schützling zu lebenslanger Haft verurteilt.Sie kann nach frühestens 15 Jahren auf Bewährung freigelassen werden, wie der Richter in Cambridge, Massachusetts, sagte. Die zwölf Geschworenen, neun Frauen und drei Männer, hatten die 19jährige zuvor nach einem dreiwöchigen Verfahren für schuldig befunden, das Baby aus Frust brutal geschüttelt, auf den Boden geworfen und ihm dadurch den Schädel gebrochen zu haben.Die Angeklagte, die 1996 für ein Jahr in die USA gekommen war, brach nach dem Schuldspruch in Tränen aus."Ich habe nichts getan, warum tun Sie mir das an", rief sie. In Großbritannien löste das Urteil eine Medien-Kampagne zugunsten der jungen Frau aus.Die Verteidiger bezeichneten die Entscheidung als "Fehlurteil" und kündigten an, das Urteil durch alle Instanzen anzufechten.Während des Verfahrens hatte die Angeklagte gesagt, sie habe den Säugling "niemals" geschüttelt oder geschlagen.Sie habe den Mord, der ihr zur Last gelegt wird, nie begehen können, denn sie liebe Kinder.Die Staatsanwaltschaft vertrat die Auffassung, die Britin sei über ihre Gastfamilie, bereits ihre zweite in den USA, wütend und frustriert gewesen.Sie zeichnete das Bild einer anspruchsvollen Person, die mehr am Bostoner Nachtleben als an der Kinderbetreuung interessiert gewesen sei. Die junge Frau habe ihre beiden acht Monate und zweieinhalb Jahre alten Schützlinge Freunden gegenüber als "nervige, schlecht gelaunte kleine Gören" bezeichnet und sich darüber beschwert, daß sie nicht mehr Taschengeld bekomme als andere Au-Pairs, die nur ein Kind beaufsichtigen müßten.Mit der Gastfamilie habe sie ständig im Streit gelegen über häufige abendliche Eskapaden und überlange Telefonate.Der Fall löste in den USA eine Diskussion darüber aus, ob junge Au-pair-Helfer fähig sind, selbständig für kleine Kinder zu sorgen. In Großbritannien befaßten sich die Medien ausführlich mit dem Urteil.Die elektronischen Medien übertrugen die starken emotionalen Reaktionen von Frauen in dem Heimatort Elton, die nach dem Schuldspruch völlig die Fassung verloren, sich alle an die Hände nahmen und ohne Unterlaß weinten. Britische Juristen sprachen von einem Fehlurteil und kritisierten das amerikanische Justizsystem, das die junge Frau benachteiligt habe.Es müßten alle Mittel ausgeschöpft werden, das Urteil rückgängig zu machen, hieß es.Das Fernsehen wartete mit Zeugen auf, die etwas zugunsten der Verurteilten zu sagen hatten.So gab eine junge Britin an, die Arbeit für dieselbe Familie in den USA abgelehnt zu haben.Deren Kind sei zudem ungewöhnlich aktiv und heftig in seinen Reaktionen gewesen.Ein US-Anwalt wurde mit den Worten zitiert, die Verurteilte sei Opfer "übersteigerter politischer Ambitionen" des Staatsanwaltes geworden.Die Bewohner ihres Heimatortes starteten derweil eine Kampagne zur Freilassung von Woodward und sammelten Geld. Im Prozeß argumentierte die Verteidigung, die Fraktur des Säuglings sei damals bereits mehrere Wochen alt gewesen und nicht bemerkt worden.Die medizinischen Sachverständigen kamen in dieser Frage zu widersprüchlichen Ergebnissen.

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