Welt : Warum wird den Flut-Opfern in Mosambik so spät geholfen? (Kommentar)

Christoph von Marschall

Seit annähernd vier Wochen steigen die Fluten in Mosambik. Sie haben Hunderttausende obdachlos gemacht und vermutlich Tausende getötet. Und doch kommt die Hilfe auch jetzt nur zögerlich in Gang. Liegt es an der Trägheit des Herzens? Ist dies ein Zeichen dafür, dass die Welt Afrika als hoffnungslosen Kontinent abgeschrieben hat? Die Opfer der Oderflut konnten auf rasche Hilfe im großen Maßstab rechnen und ebenso die Erdbebengebiete in der Türkei. Sarajevo wurde in einem beispiellosen Kraftakt aus der Luft versorgt, länger als Berlin während der Blockade. Und zur Rettung der Kosovo-Albaner wurde eine mächtige Militärmaschinerie in Gang gesetzt.

Es mag auch an einer emotionalen Ferne liegen, dass Mosambik so lange auf Hilfe warten musste. Die Menschen dort hätten womöglich noch lange vergeblich warten können, wenn nicht, wieder einmal, Fernsehbilder die Herzen geöffnet hätten - vor allem die Bilder eines Babys, das auf einem Baum geboren wurde. Muss das nicht zwiespältige Gefühle hinterlassen: dass es diese Bilder nur dank Hubschraubern gibt, mit denen man Menschen aus Lebensgefahr hätte retten können, statt Journalisten mit Kameras zu transportieren?

Vor allem aber zeigt die nun hektisch und viel zu spät anlaufende Hilfe: Eine internationale Gemeinschaft, die sich zuständig fühlt für systematische Katastrophenhilfe rund um den Erdball, gibt es nicht. Denn damit verbindet sich kein nationales Interesse. So bleibt es dem Zufall überlassen, von welchen Katastrophen die Erste Welt Notiz nimmt und von welchen nicht. Nach Bosnien oder Kosovo stellt Europa nun schnelle Eingreiftruppen auf, um zu verhindern, dass regionale Krisen zu Kriegen eskalieren. Eine schnelle Eingreiftruppe für Erdbeben oder Flutkatastrophen jedoch fehlt. Der sporadisch wiederkehrende Vorschlag eines "Peace Corps" für humanitäre Hilfe ist bis heute eine schöne Idee geblieben. Vielerorts in der Dritten Welt, nicht nur in Afrika, spielen sich regelmäßig Tragödien ähnlicher Größenordnung ab wie jetzt in Mosambik. Ganges und Brahmaputra setzen Jahr für Jahr halb Bangladesh unter Wasser, reißen ganze Siedlungen von den dicht besiedelten Steilufern; kommt einer der häufigen Zyklone hinzu, sterben Tausende - meist unbemerkt von den TV-Kameras. So ist Mosambik auch eine Chiffre dafür, wie fern der angeblich zum globalen Dorf gewordenen Welt wahres Zusammengehörigkeitsgefühl ist.

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