Welt : Was es alles nicht gibt

Molwanien ist ein völlig unentdecktes Urlaubsziel – für Reisen in der Fantasie

Matthias Meisner

Es ist vor allem die Intensität der Farben, die dieses Land interessant macht. Üppiges Grün, erdiges Braun, kraftvolles Gelb erstrahlen in blendender Pracht – aus den Gebissen der Einheimischen, die in diesem abgelegenen Teil Osteuropas leben. Molwanien ist eines der kleinsten Länder des Kontinents, so klein, dass selbst Vielreisende es erst in jüngster Zeit entdecken. Was dort alles zu sehen ist, haben drei Australier recherchiert. Und im Heyne-Verlag den ultimativen Reiseführer über das „Land des schadhaften Lächelns“ veröffentlicht.

Wo genau Molwanien liegt, ist nicht exakt beschrieben, doch versichern die Autoren, dass Billigreisen in versiegelten Frachtcontainern von Slowenien und Polen aus ebenso möglich sind wie Flüge mit der staatlichen Fluggesellschaft Aeromolw, die den Flugbetrieb in die Hauptstadt Lutenblag nach langem Streik wieder aufnahm – die Regierung war mit ihrem Plan gescheitert, den Piloten den Genuss von Alkohol in den letzten beiden Stunden vor Flugbeginn zu verbieten.

Der Reiseführer über Molwanien ist das ideale Buch für alle, die auf der Suche nach neuen und aufregend exotischen Reisezielen sind und dabei vor nichts mehr zurückschrecken. Denn das Land vereint, wie Santo Cilauro, Tom Gleisner und Robert Sitch erläutern, viel von dem, was anderswo nur noch schwer zu finden ist: Großartige Landschaften, prachtvolle Architektur und Jahrhunderte der Hingabe an Kunst und Kultur sind zugegebenermaßen Mangelware. Dafür findet der furchtlose Reisende in der früheren Sowjetprovinz andere Dinge zur Erbauung. Lutenblag verfügt demnach über ein gasbetriebenes Straßenbahnnetz, die Große Ebene wurde wegen ihrer „einzigartigen Monotonie“ zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt. Verlockend ist auch das Westliche Plateau, das zu Teilen zwar von 40 Jahren schrankenloser Nachkriegsindustrialisierung verwüstet, in anderen Gegenden von bezaubernder natürlicher Schönheit aber erst in den letzten Jahren ruiniert wurde. Vorteil: Die Region ist so gut wie unberührt vom Tourismus. Kaum überraschend, dass das älteste Atomkraftwerk der Welt, mit Rissen original aus den 50er Jahren, nicht weit ist.

Eine Parodie, gewiss. Die Reise in der Fantasie aber zeigt auch: Molwanien kann überall vorkommen. Illustriert haben die Autoren ihren Führer mit Fotos aus Polen, Süditalien, dem Balkan und allerlei Ecken der früheren Sowjetunion. Die Sprache ähnelt der in vielen Führern zu Ländern, die in den letzten Jahren erkundet wurden.

Detailreich sind die Erläuterungen zu zahlreichen armseligen und noch armseligeren Herbergen, in denen es zum Frühstück außer Cornflakes, Würsten und Gewürzgurken obligatorisch auch Zeerstum, den landestypischen Knoblauchschnaps, gibt. Und deren hintere Zimmer die Aussicht auf einen Berg bieten – „einen Berg bestehend aus Autowracks“. Ein kleiner Sprachführer rundet das Werk ab: „Wakuz dro brugka spazibo“ etwa heißt „Viel Glück“ – oder wörtlich: „Gott schicke dir einen kräftigen Esel“. Die Formel „Friiyhadsgo drof, huftrawxzkio“ („Mehr Essen, Herr Wirt!“) hingegen gilt als eher unüblich – denn die Gastronomie im Land setzt mit mariniertem Fleisch und überzuckerten Süßigkeiten auf Masse statt Klasse.

Wer noch mit der Buchung zögert, sollte Leser Philippe vertrauen, der in einer Zuschrift meint: „Wozu ein fades verwestlichtes Essen in einem überteuerten Touristen-Café bezahlen, wenn man für die Hälfte des Preises von einem Straßenhändler ein Stück Salzfisch und einen Beutel Zitronenschalen kriegen kann?“

Molwanien, von Santo Cilauro, Tom Gleisner, Rob Sitch, Heyne Verlag, 176 Seiten, 14,90 Euro.

www.molwanien.de

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