Welt : Was für ein Hundeleben

Ein Jahr nach „Katrina“ geht ein heftiger Streit um gerettete Tiere los

Christoph von Marschall[Washington]

Am Anfang stand eine Liebestat: die Rettung hilfloser Hunde aus dem überfluteten New Orleans. In dem knappen Jahr seither ist daraus ein Rechtsstreit geworden mit all den Konflikten, die Amerikas Gemüter erhitzen: Nord gegen Süd, Schwarz gegen Weiß, Arm gegen Reich.

Als Hurrikan „Katrina“ Ende August 2005 zuschlug, wurde Belinda Sumrall aus St. Bernard, einem der ärmeren Stadtteile von New Orleans, evakuiert. Ihre beiden Schäferhündinnen Sandy Marie und Coco Ree blieben zurück.

Die Bilder von der Zerstörung der Golfküste lösten große Hilfsbereitschaft aus. Tierschutzvereine schickten Freiwillige nach Louisiana und Mississippi, um aufgegebene Haustiere zu retten. Hunderte wurden Tag für Tag von den Straßen, aus Haustrümmern und Kanälen geholt, 15 000 waren es am Ende. Kim Diserio vom Tierschutzverein Montgomery in Maryland rettete unter anderem die beiden Hündinnen. Mit der Stadtverwaltung St. Bernard traf sie folgendes Abkommen: Der Tierschutzverein soll Fotos geretteter Tiere auf einer Internetseite platzieren, die New-Orleans-Flüchtlinge zum Informationsaustausch nutzen; falls sich die Eigentümer bis zum 1. November 2005 nicht melden, sind die Tiere zur Adoption frei. So kamen die Hündinnen zu einer Familie in Montgomery County, einem Landkreis an der Stadtgrenze zu Washington DC, wo viele wohlhabende Weiße wohnen. Sie werden jetzt Andi und Foxy gerufen. Die neuen Besitzer sagen, sie hätten viel Geld an Tierärzte bezahlt, weil die Hunde Würmer hatten und eine Operation an der Speicheldrüse nötig war.

Doch nun will Belinda Sumrall die Hunde zurückhaben. Sie lebt heute in Texas und sagt, sie habe so früh, wie sie konnte, nach ihren Tieren gefahndet, allerdings auf anderen Internetseiten. Erst im November habe sie vom Verbleib der Schäferhündinnen erfahren. Irgendwann entgleiste die Auseinandersetzung, Sumrall nahm sich eine Anwältin. In der „Washington Post“ und in Internetblogs von Tierfreunden kann man Auszüge der Korrespondenz nachlesen, die in einem holprigen Gedicht gipfelt – einer grundsätzlichen Anklage arroganter reicher Weißer im Norden, die auf den Gefühlen armer Schwarzer im Süden herumtrampeln. „No rich who don’t Nuthin right is gonna take my dogs without a fight.“

Sumralls Anwältin Kathryn Bloomfield hat bei einem Gericht in Louisiana eine Anordnung erwirkt, wonach die Tiere zurückzugeben sind. Der Tierschutzverein Montgomery hat mit einer Verleumdungsklage gegen Sumrall und Bloomfield wegen der über Internet verbreiteten Beschimpfungen reagiert. Und warnt: Das ganze System der Tierrettung in Katastrophen breche zusammen, wenn Pflegefamilien sich nicht auf die Gültigkeit von Absprachen verlassen können. Nach Angaben des US-Dachverbands leben 25 bis 30 Prozent der geretteten Tiere bei ihren alten Besitzern. Die große Mehrheit habe ein neues Zuhause.

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