Welt : Was für eine Perle

Ein Besuch in John Gallianos altem Stammlokal im Pariser Viertel Marais – das übrige Modevolk aber geht abends ganz woanders aus

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Runtergekommen, aber chic. Innenansicht der Bar von dem berüchtigten Handyvideo, mutmaßlich mit John Galliano. Foto: AFP
Runtergekommen, aber chic. Innenansicht der Bar von dem berüchtigten Handyvideo, mutmaßlich mit John Galliano. Foto: AFPFoto: citizenside.com

Es ist eine Bar wie viele andere in Paris. Die typische Nachbarschaftsbar, in die die Anwohner des Viertels zum Weintrinken gehen. Baststühle, Bistrotische, abgewetzte orangefarbene Plastikbänke, eine riesige Metallbar mit altmodischen Schränken dahinter, der Fußboden mit billigen Kacheln ausgelegt. Eine Bar, die aussieht wie vom Flohmarkt, seit Jahrzehnten unverändert. Niemand würde dafür einmal ganz durch Paris pilgern. Doch zufällig wohnt um die Ecke der Brasserie „La Perle“ ein gewisser John Galliano und so wurde die Bar zu seiner Stammkneipe. Seit der Skandal um antisemitische Äußerungen in dieser Bar um die Welt geht, ist die Perle in aller Munde.

Es ist eigentlich ein Ort zum Wohlfühlen. Nicht schick, nicht übermäßig stilvoll und dennoch hat die Bar etwas. Teure Mode wird man hier nicht finden, eher Straßentrends und dennoch wirken die Leute trendig. Sie haben schräge Brillen, ungewöhnliche Haarschnitte, tragen Schlabberlook elegant und stammen meist aus der Kunst- oder Modeszene. Draußen auf der Straße sind trotz Winterwetters schon einige der 17 Tische besetzt. Teuer ist es hier für Pariser Verhältnisse nicht, das kleine Weinglas gibt es für 2,90 Euro, ein Bier für drei Euro, den Champagner für unter zehn Euro. In der Bar mischen sich Franzosen und Ausländer, Männer und Frauen im Alter zwischen 25 und 40. Eine Gruppe Engländer draußen erzählt: „Wir gehen immer in diese Bar, wenn wir in Paris sind. Sie ist typisch pariserisch. Daran ändert auch der Galliano-Skandal nichts.“

Drinnen herrscht abends um 19 Uhr schon Hochstimmung, es ist schwer noch einen Platz zu bekommen. Die Atmosphäre scheint wie elektrisch aufgeladen, wer den Namen Galliano ausspricht, bekommt eine Abfuhr. Ein Kellner sagt nur: „Galliano kommt nicht mehr, was glauben Sie denn?“ Verändert habe sich hier nichts seit der Affäre, auch mehr Touristen habe er nicht beobachtet. Auf die Frage, was er von dem Ganzen hält, wendet er sich ab und sagt gar nichts mehr. An der Bar lehnt eine blonde Französin. Sie hat einige Jahre hier bedient und wohnt direkt um die Ecke. „Ich habe Galliano oft bedient, er kam allein oder mit Freunden und wurde nie ausfällig. Was er sagt, ist sicher nicht zu verzeihen, aber der Medienrummel darum, das ist doch völlig verrückt.“ In der Bar, der Besitzer ist ein Jude, ein Kellner ist ein Muslim, habe man die Affäre zu spüren bekommen. Es gab böse Anrufe wegen Gallianos Tiraden, der mutmaßlich auch auf einem Handyvideo zu sehen ist, das im Internet kursiert.

„La Perle“ liegt in der Nähe des Picasso-Museums in einer typischen kleinen Straße des Marais, an der 78 Rue Vieille du Temple. Wenn sich das Viertel über die letzten Jahrzehnte nicht so verändert hätte, würde die alte Bar „La Perle“ niemand bemerken. Ursprünglich war das Marais – französisch für Morast – eines der ältesten Viertel von Paris, das Zentrum der jüdischen Kultur. Juden ließen sich hier immer wieder seit der Trockenlegung im 13. Jahrhundert nieder. Es hat die Modernisierung von Paris im 19. Jahrhundert überstanden und war damals sehr heruntergekommen. Heute gibt es noch mehrere Synagogen, doch die klassischen jüdischen Geschäfte werden langsam von Luxusmodeboutiquen verdrängt. Als eines der wenigen traditionellen Geschäfte hält der jüdische Bäcker Sacha Finkelsztajn mit seiner gelben Fassade in der Nummer 27 der rue de Rosiers noch die Stellung. Er ist berühmt für seinen Käsekuchen.

Verdrängt werden die jüdischen Anwohner auch von den hohen Immobilienpreisen, die liegen in diesem zentralen gefragten Viertel weit über dem Pariser Durchschnitt von 8000 Euro pro Quadratmeter und erreichen gut 12 000 Euro. Das Marais teilt sich in zwei Gegenden, das 4. Arrondissement, das untere Marais, in dem schon seit Jahrzehnten die Schwulenszene zu Hause ist und in das „Haut Marais“, das obere Marais, das 3. Arrondissement, das an der Bar „La Perle“ beginnt. Hier lassen sich seit einigen Jahren Kunstgalerien und angesagte Marken wie Vanessa Bruno oder American Apparel nieder, Multilabel-Läden wie „Shine“ bieten Mode von Marc Jacobs oder Chloé. Abends ist das Viertel brechend voll, so wie an diesem Abend während der Modenschau, an dem jede Kunstgalerie geöffnet hat.

Mehrere Bars im Stil von „La Perle“ gibt es im Marais, doch es ist nicht wirklich das gefragte Viertel der internationalen Modeleute. Diese gehen lieber in die schicken Clubs um die Champs-Elysées und den Louvre im Zentrum von Paris, sowie auf die Showpartys. Hier gibt es mehrere Treffpunkte extra für die Schauen. So hat die französische Zeitschrift „Vogue“ im Luxushotel Crillon an der Place de la Concorde zum dritten Mal eine Modenschaubar eröffnet, in der die neue Chefredakteurin Emmanuelle Alt viele Stars wie Kate Winslet empfängt. Auch Chanel hat diesmal zusammen mit dem Trendshop „Colette“ einen Treffpunkt in einer ehemaligen Garage in der 336-340 rue Saint-Honoré, einer der Straßen mit den meisten Luxusläden von Paris, eröffnet.

Hier kann man sich tagsüber Taschen von Künstlern signieren lassen oder Nagellack von Chanel auftragen. Weil die Modeleute immer nach Extremen suchen, zwischen chic und heruntergekommenem Stil, zieht es einige mittlerweile auch in den Osten von Paris. Am Canal Saint Martin an der République oder in der Nähe der Gare de L’Est haben mehrere Trendläden aufgemacht, unter anderem das Restaurant „La Fidelité“ in der gleichnamigen Straße in der Nummer 12, in dem angeblich auch schon Karl Lagerfeld gesichtet wurde. Fast ein Geheimtipp ist noch das „Chateaubriand“, ein Restaurant in der 129 Avenue Parmentier im Arbeiterviertel Belleville. Hier ist es nicht nur schick, auch das Essen schmeckt. Ganz weit im Osten, fast eine Weltreise für das Modevolk aus den besseren Vierteln, liegt „Mama Shelter“ – 109 rue de Bagnolet –, ein Restaurant und Hotel, das von Philippe Starck dekoriert wurde. Die Umgebung ist etwas finster aber das stört die Models nicht, die vom Chauffeur vor die Tür gebracht werden.

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