Welt : "Was ist Literaturgeschichte? ": Literatur oder Leben

Oliver Heilwagen

Literatur kann lebensrettend sein: Stephen Greenblatt berichtet, dass sie in England seit dem 14. Jahrhundert darüber entschied, ob ein Verbrecher an den Galgen kam. Konnte der Beschuldigte einen ihm vorgelegten, lateinischen Psalmvers lesen, galt er als Kleriker und wurde einem kirchlichen Gerichtshof überstellt, an dem es keine Todesstrafe gab. Vermochte er die Buchstaben nicht zu entziffern, wurde er als gemeiner Krimineller gerichtet und gehängt.

England, alphabetisiert

Dieser Lesetest hatte große Bedeutung: Unter der Regentschaft von Elisabeth I. konnte etwa ein Drittel der Verhafteten dadurch ihren Kopf retten. Erst Anfang des 18. Jahrhunderts wurde die Prüfung abgeschafft: Die Lesefähigkeit war mittlerweile zu verbreitet, um noch als Kriterium für den gesellschaftlichen Status dienen zu können. Um sie zu bezeichnen, bürgerte sich das Wort "literacy" ein. Der Begriff "literature" wurde inhaltlich auf die Fülle schriftlicher Dokumente verengt.

Trotzdem behält er seine existentielle Bedeutung, betont Greenblatt. Der in Harvard lehrende Literaturwissenschaftler ist ein führender Vertreter des "New Historicism". Diese amerikanische Philologenschule analysiert, vereinfacht gesagt, die historische Bedingtheit aller Texte und ihre Wechselwirkung mit der sie umgebenden Kultur. Sein Berliner Vortrag in der Reihe "Erbschaft unserer Zeit" erläutert daher weniger das Wesen der Literaturgeschichte als vielmehr die Frage, was aus neuhistoristischer Sicht eigentlich Literatur ist.

Fast alles, was Menschen schreiben, antwortet der Autor: In sämtlichen Texten komme ihre spezifische "kulturelle Poetik" zum Ausdruck. Darunter versteht er "die Gesamtheit der schriftlichen Diskurse, durch die wir die Welt erfassen und auf sie einwirken". Um diese extrem weit gefasste Definition zu begründen, beruft sich der Renaissance-Spezialist auf einen illustren Ahnherren: Der Philosoph und Moderne-Vordenker Francis Bacon hatte Anfang des 17. Jahrhunderts als erster eine Literaturgeschichte gefordert, in der aus den "wichtigsten Büchern, die in jedem Jahrhundert geschrieben wurden, durch Betrachtung ihres Stils der literarische Geist jedes Zeitalters gleichsam von den Toten auferweckt werden kann."

Diese Metapher hat es Greenblatt angetan. Literatur kann viel mehr, als nur irgendwelche praktischen, sozialen Funktionen zu erfüllen, argumentiert er: Indem in jeder Zeile der schöpferische Geist des Verfassers durchscheint, der von seiner Zeit geprägt ist und auf sie zurückwirkt, wird mit jedem Text die Grenze zwischen dem real Existierenden und dem nur imaginär Vorstellbaren neu festgelegt. Die Schriftstücke enthüllen dem Historiker "ihren Anteil an der Erfindung des Realen und an der Erkenntnis, dass das Reale erfunden ist". Den Leser stilisiert Greenblatt zu einer Art Geisterbeschwörer: In der Lektüre unterhält er sich mit Toten.

Noch erfreut sich unser 57jähriger Autor bester Gesundheit. Doch er entlässt seine Leser mit Andeutungen, die so geheimnisvoll raunen wie mancher Grabspruch. Der Sinn seiner wortgewaltig vorgetragenen Programmatik erschließt sich erst aus dem Vergleich mit der Gegenrede, die Herausgeber Gary Smith gleich mitgeliefert hat. Sie stammt von Catherine Belsey: Die im walisischen Cardiff lehrende Professorin steht in der Tradition poststrukturalistischer Denker wie Foucault, Lacan und Derrida und damit der textimmanenten Methode des "New Criticism" nahe, von dem der "New Historicism" sich vor zwanzig Jahren polemisch absetzte. Jenseits aller modischen Etiketten, die gerade in der Philologie wie Markennamen kursieren, macht sie auf einen wichtigen Umstand aufmerksam: Das literarische Zwischenreich zwischen Sein und Nichtsein, auf das es Greenblatt ankommt, ist in der Sprache angelegt.

Das Kontinuum der Wirklichkeit wird von Menschen mit Wörtern unterteilt und bestimmt. Doch die Wörter selbst sind mehrdeutig: Sie bezeichnen verschiedene Dinge und wechseln ihre Bedeutung im Lauf der Zeit. Daher erscheinen uns historische Texte fremd, obwohl wir ihre Sprache beherrschen. Man dürfe sich die Vergangenheit nicht als geschlossenes Ganzes vorstellen, folgert Belsey: Sie war genau so zerrissen und widersprüchlich wie die Gegenwart.

Vernichtende Eleganz

Solche Thesen mögen manchem wie ein Brückenschlag von der Banalität zur Esoterik vorkommen. Indes bieten beide Aufsätze dem Laien nicht nur einen ausgezeichneten Einblick in die Debatten, die die Literaturwissenschaft derzeit bewegen, sondern auch eine Kostprobe der Diskussionskultur an angelsächsischen Akademien. Dort zählt auch ein vernichtender Schlag nur, wenn er elegant geführt wird.

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