Welt : Was macht eigentlich unser Gold?

In New York lagert ein Teil der deutschen Goldreserven. Unser Autor hat mal nachgesehen, ob sie noch da sind

Matthias B. Krause[New York]

Von Matthias B. Krause,

New York

Das Sandsteingebäude 33 Liberty Street in Lower Manhattan wirkt wie eine klotzige Trutzburg. Die Fenster sind hoch und luftig, doch mit schwerem Eisen vergittert und mit schweren Drahtvorhängen vor Blicken geschützt. Der Eingang zu dem Bau, der einen gesamten Block einnimmt, ist überraschend schmal – unangemeldet kommt hier niemand herein. Nur, wer dem FBI mindestens eine Woche Zeit gibt für einen Abgleich seiner Daten mit allen verfügbaren Verbrecherlisten, darf schließlich unter strenger Aufsicht bis tief in den Bauch der Federal Reserve Bank vorstoßen. Dort hält die Bank ihren legendären Goldschatz versteckt, angehäuft über Jahrzehnte von mehr als 60 Nationen und internationalen Organisationen, darunter auch die Bundesrepublik.

Rund 70 Milliarden Dollar sind die Barren wert, die hier fast 30 Meter unter der Erde lagern. Wie viele davon der Deutschen Bundesbank gehören, darüber gibt niemand genau Auskunft, angeblich soll es sich um den größten Teil der 3500 Tonnen umfassenden deutschen Reserve im Wert von etwa 40 Milliarden Dollar handeln. Ein weiterer Teil lagert bei der Bank von England in London, ein dritter am Bundesbank-Hauptsitz in Frankfurt am Main. Damit verfügt die Bundesbank über die zweitgrößte Goldreserve der Welt. Nur die USA haben noch mehr.

Erbe des Wirtschaftswunders

Das Gold der Deutschen ist das Gold des Wirtschaftswunders und der D-Mark. Es stammt aus der Zeit, als Gold noch notwendig war, um den Wert der D-Mark zu garantieren. Die Golddeckung endete 1972, seitdem blieben die deutschen Reserven vermutlich unangetastet. Die Bundesbank lagert ihren Schatz traditionell dezentral – zur Streuung des Risikos. Das soll damals auch etwas mit der Nähe der Roten Armee zu tun gehabt haben. Sollten sich Finanzminister Hans Eichel oder Bundesbank-Chef Ernst Welteke tatsächlich dazu entschließen, Teile des Schatzes zu verkaufen, käme auf die Goldstapler in New York Arbeit zu.

Was macht eigentlich unser Gold? Ein Besuch ergab: Es ist noch da. Bevor die Besucher den Schatz begutachten dürfen, müssen sie eine Reihe von Sicherheitsschranken überwinden. Taschen, Rucksäcke und Mäntel werden durchleuchtet und danach in Verwahrung genommen. Jeder muss durch einen Metalldetektor, bevor er seine Eintrittskarte gegen ein offizielles Namensschild umtauschen kann. Dann dürfen die ungeduldigen Gäste sich erst mal mit dem Bundesbank-System der USA vertraut machen. Vor der antiken Kulisse seit Jahrzehnten ungenutzter Bankschalter erklärt eine bunte Multimedia-Show Begriffe wie Geldmengenregulierung oder Basiszinssatz. Ziemlich erfolglos, denn alle warten eigentlich nur auf eins: auf das Gold.

Der Aufzug braucht von der Empfangshalle ins fünfte Kellergeschoss nur wenige Sekunden und endet in einem schmucklosen Raum. Wände, Decke und Fußboden sind alle mit grau-blauer Lackfarbe gestrichen, kein Staubkorn stört die Klinik-Atmosphäre. Weiter geht es durch eine schmale Stahltür, die sich nur mit einer Codekarte öffnen lässt. Daneben hängt ein Schild mit der Aufschrift: „Gold is irresistable“ – Gold ist unwiderstehlich. Hinter der Tür gibt es eine Einführung in die Faktenlage: Die Goldbarren sind zu 99,5 bis 99,7 Prozent rein, Kupfer- und Silberzusätze verhindern, dass sie zu weich werden. Sie wiegen 12 Kilo pro Stück und haben einen derzeitigen Marktwert von je 115 000 bis 130 000 Dollar. In den Kontrollräumen beobachten unterdessen uniformierte Sicherheitskräfte per Überwachungssystem, was vor sich geht. Weiter geht es durch einen riesigen Stahlzylinder. Jetzt trennen die Besucher von dem Milliardenschatz nur noch fingerdicke, hellblaue Gitterstäbe, die vom Boden bis zur Decke reichen. Wären da nicht die grellen Dauerlichter und die vielen Überwachungskameras, man könnte für einen Augenblick denken, man sei in einem besonders penibel gepflegten Gemeinschaftskeller eines Mietshauses. Nur dass sich hinter den 60 nummerierten Verschlägen keine alten Matratzen befinden, sondern Gold. So viel und nah, dass man nur einmal zugreifen müsste – wie sich mancher ausmalt.

Agata Zhang, die die Gruppe mit Anekdoten unterhält und neugierige Fragen beantwortet, kann über diese Fantasien nur lachen. Sie erklärt, dass der über 100 Tonnen schwere Stahlzylinder im Rücken der Gäste in sieben Sekunden verschlossen werden kann. Er dreht sich nicht nur, sagt Frau Zhang, sondern saugt sich dabei fest wie ein Korken in einem Flaschenhals. Einen anderen Weg nach draußen gibt es nicht. „Man könnte doch einen Tunnel graben“, ruft jemand von hinten. Wieder lächelt Agata Zhang mitleidig. Als der Tresorraum 1924 gebaut wurde, dachten die Architekten an alle Eventualitäten und versenkten ihn tief in den Granitfelsen, der sich hier ganz dicht unter der Erdoberfläche befindet. Selbst ein Mitarbeiter der Bank, der sich mit allen Finessen des Systems auskennt, habe keine Chance: „Wenn einer eine Glühbirne ausgewechselt, sind immer zwei weitere Angestellte dabei.“

Die Lagerung des kostbaren Gutes ist kostenlos. „Das verstehen wir als Dienstleistung für befreundete Staaten“, heißt es. Und wenn der Finanzminister tatsächlich mal ein paar Barren „abheben“ will, kostet das nicht die Welt: 1,70 Dollar berechnet die Bank ihren Kunden pro Barren. Wie das Gold dann nach Deutschland käme, dazu will der Sprecher der Federal Reserve Bank keine Auskunft geben: „Wir pflegen Informationen nur mit unseren Kunden auszutauschen.“ Die Wächter über den 70-Milliarden-Dollar-Schatz halten sich an die alte Regel der Branche: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.

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