Welt : Was man bei einem elfstündigen Flug mit Betrunkenen alles erleben kann

Andreas Oswald

Es beginnt bereits beim Einstieg in die Maschine. Ein schon säuselnder Mann sucht sich unter den Passagieren geeignete Kumpane aus, mit denen er seine Sause fortsetzen kann, die er anscheinend schon lange vor dem Flug begonnen hat. Laut reden und lachen die Angetrunkenen, während sie sich zu ihren Sitzen vorarbeiten.

Zwei Frauen sind entsetzt, als sie merken, dass sich der schwitzende und nach Alkohol riechende Mann zu ihnen setzen wird. "Tach, die Mädels", begrüßt er die Frauen. "Das wird ein Flug", lacht er etwas dreckig seinen Kumpels in den hinteren Reihen zu, macht ein Victory-Zeichen und wirft einen vielsagenden Blick auf die Frauen. Als erstes verschwindet er in der Toilette und kommt in Jogginghosen zurück. Als der Mann anfängt, ihr gegenüber Sprüche zu klopfen, gibt sich eine der beiden Frauen einen Ruck: Sie sagt ihm leise einen Satz, den die Umsitzenden nicht hören können, der aber Wirkung zeigt: Von da an lässt er beide in Ruhe. Stattdessen nimmt er sich die Umsitzenden im Gang gegenüber vor. Er spricht sie alle an, packt eine Flasche Rum aus, bietet ein Glas an und reagiert gekränkt auf die Abweisungen. Der Betrunkene holt sich seine neuen Freunde von hinten, die sich in den engen Gang stellen, trinken und laut erzählen.

Nach einer Stunde beginnen die Provokationen. Die Menge fängt an zu johlen, macht Witze über die Lebensgefährtin eines Umsitzenden. Leere Coca-Cola-Dosen fliegen, Beleidigungen werden geschleudert. Ein Passagier sieht keine andere Möglichkeit: Er spricht sich mit Sitznachbarn ab, sie tauschen Adressen aus und versprechen sich, später als Zeugen auszusagen. Er geht zu einer der Stewardessen, die den schwelenden Konflikt die ganze Zeit über ignoriert hatten und verlangt, dass das Personal Ordnung herstellt. Außerdem solle die Polizei in Schönefeld benachrichtigt werden, er beabsichtige gegen einen Passagier wegen Beleidigung und Bedrohung Anzeige zu erstatten.

Das Personal wiegelt ab. Erst die Drohung, ins Cockpit vorzudringen, führt dazu, dass ein männlicher Flugbegleiter kommt, die Betrunkenen an ihre Plätze bittet und sich für zehn Minuten postiert. Als er sich zurückzieht, geht der Terror wieder los. Dem männlichen Flugbegleiter gelingt es nicht, sich Respekt zu verschaffen. Der rund elf Stunden währende Flug von Havanna nach Berlin-Schönefeld gerät zur Tortur. Alle Beteiligten, auch die Angetrunkenen, fühlen sich offenbar durch die Enge im Flugzeug, durch das Abgeschlossensein und dem Zwang, es mit Leuten aushalten zu müssen, die völlig anders sind, ausgeliefert. Hilflosigkeit, Angst vor Gewalt, Ärger und Selbstbeherrschung - diese Gefühle wechseln sich wohl bei allen ab. Die Belästiger sind zudem der Auffassung, sie könnten sich gehen lassen, weil in der Luft die heimischen Gesetze nicht gälten. Das Abführen durch die Polizei in Schönefeld setzt dem Belästiger zwar mental zu, aber das Verfahren wird später wegen Geringfügigkeit eingestellt. Der Polizist hatte das gleich orakelt: "Wir haben pro Woche bestimmt sechs solcher Fälle, die Justiz macht da gar nichts".

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