Welt : Was sie retteten, ist nun verloren

THOMAS BURMEISTER (dpa)

Flutkatastrophe erreicht Flüchtlingslager in Kenia / Kritik: Viele Länder helfen nichtVON THOMAS BURMEISTER (dpa) NAIROBI.Die junge Frau hat ihren gesamten Besitz so hoch wie möglich in eine Akazie gehängt.In dem einen Lumpenbündel ist ihr vor Hunger schreiendes Baby eingeschnürt, eine Ration Reis.Auf einem Ast sitzend streckt sie die Arme gen Himmel.Doch der Hubschrauber kann in den Wassermassen im Gebiet von Daadab im Nordosten Kenias nicht landen."Hoffentlich kommen wenigstens die Boote durch", sagt der Pilot und dreht ab.Unten liegen umflutete Bäume, ein Ozean von brackigem, verseuchtem Wasser.Die Äste mancher Akazien drohen unter ihrer Last abzubrechen: Menschen mit in Plastiktüten verstauten Nahrungsmitteln, mit Decken und Regenplanen, vereinzelt hängen sogar Ziegen in den Bäumen. 125 000 Menschen sind allein im Gebiet um Daadab von der seit Jahrzehnten schwersten Flutkatastrophe in Ostafrika betroffen, die sich nun auch auf Kenia ausgedehnt hat.Die meisten waren vor den Bürgerkriegen in Somalia und Sudan hierher geflohen."Fast alles, was sie damals noch mitschleppen konnten, hat sich jetzt die Flut geholt", sagt der Sprecher der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR, Peter Kessler. Nachdem in diesem eigentlich knochentrockenen Landstrich allein vergangene Woche so viel Regen fiel, wie sonst kaum in einem ganzen Jahr, schwollen die Bäche zu reißenden Strömen an.Vermutlich mehr als 100 Menschen ertranken in den Fluten.Schwimmen kann hier so gut wie niemand.Nun drohen auch Seuchen.Durchfall ist bereits weit verbreitet.Ärzte fürchten eine Cholera-Epidemie. Ebenso schlimm sieht es noch immer in den Notstandsgebieten im Süden Somalias aus.Wo noch vor einem Monat die Flußläufe von Shibelle und Juba verliefen, liegen Seen - mit kleinen Inseln, auf denen Zehntausende verzweifelt auf Hilfe warten.Mit Motorbooten und Hubschraubern versuchen Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen Flutopfer zu retten.Dabei konnten sie am Montag erstmals auch mehrere hundert Hungernde versorgen, die in einem schwer zugänglichen Gebiet im Süden Somalias seit fast einem Monat von Wassermassen eingeschlossen sind. Insgesamt sind in Somalia, Kenia und Äthiopien nach Schätzungen von Helfern mehrere hunderttausend Menschen obdachlos geworden.Die offizielle UN-Statistik der Todesopfer für das am schwersten betroffene Gebiet in Somalia lag am Montag bei 1 378.Ausländische Helfer beklagen die ihrer Meinung nach mangelnde Bereitschaft mehrerer westlicher Länder, die Rettungsaktionen zu unterstützen.Deutschland und Frankreich hätten bislang trotz wiederholter dringender Hilfsappelle keine Mittel für die Flutopfer zugesagt, hieß es in UN-Kreisen.Regierungen anderer Länder hätten nur relativ wenig Geld und Sachleistungen zur Verfügung gestellt, so daß die Rettungsaktion vor allem auf Spendenmittel angewiesen sei.

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