Welt : Was wahr war

Die Schreckensmeldungen aus dem zerstörten New Orleans haben sich als überwiegend falsch erwiesen

Christoph von Marschall[Washington]

Not macht erfinderisch, sie beflügelt aber auch die Fantasie. Schreckensmeldungen hatten die Berichte über den Hurrikan „Katrina“ und das Elend New Orleans’ begleitet: Schüsse auf Rettungshubschrauber, Plünderung ganzer Waffenarsenale durch Rauschgiftabhängige und Kriminelle, massenhafte Vergewaltigungen, selbst Missbrauch von Kleinkindern. Man sprach vom totalen Zusammenbruch von Recht und Ordnung. Gerüchte verdichteten sich in den Live- Schaltungen konkurrierender TV-Sender zu „Breaking News“ – mit weit reichenden Folgen. In der Öffentlichkeit entstand zum Beispiel der Eindruck, die Verlegung der Flutopfer vom Superdome in New Orleans nach Dallas und in andere trockene Städte sei wegen Heckenschützen, die angeblich auf Rettungskräfte und bereitstehende Busse feuerten, unterbrochen worden.

Fünf Wochen später gilt als gesichert: Die meisten Horrorstorys waren falsch. „The Times-Picayune“ aus New Orleans, die „Washington Post“ und andere Zeitungen sind den schlimmsten Meldungen nachgegangen. Besonders nachdenklich stimmt: Die Gerüchte im scheinbar omnipräsenten Fernsehen erwiesen sich als stärker als die Informationsketten politischer Entscheidungsträger. Deren Kommunikation funktionierte schlecht, die Telefone waren lahm gelegt, Polizei und Rettungsdienste hatten kein gemeinsames Funknetz. Der Unmut über die schleppende Hilfe schlug sich im zornigen Rat nieder: „Schaltet CNN ein!“

Dort wie auch auf anderen TV-Kanälen hieß es am 1. September, nach Schüssen auf einen Rettungshubschrauber sei die Räumung des Superdome gestoppt worden. Heute weiß man: Kein einziger Helikopter geriet unter Feuer. Eine Erklärung für den Fehlalarm: Vermutlich hätten Flutopfer in die Luft geschossen, um auf sich aufmerksam zu machen.

Ebenfalls am 1. September gingen unter Berufung auf die demokratische Senatorin von Louisiana, Mary Landrieu, Berichte über die Sender, mehrere Polizisten seien bei Schusswechseln verwundet oder gar getötet worden. Gesichert ist heute nur der Tod eines Polizisten durch eine Schussverletzung. Die Kugel stammte aus seiner Dienstwaffe, ausgelöst durch ein Handgemenge.

Weitere Horrornachrichten aus den Tagen: Die Waffenabteilung eines Wal Mart sei geplündert worden. Bewaffnete Jugendbanden terrorisieren Straßenzüge. Im „River Center“, einer der Notunterkünfte, sei ein gewaltsamer Aufstand ausgebrochen. All das war unwahr. Und von der Nachricht aus dem „Convention Center“, in einem Kühlraum seien 30 bis 40 Tote entdeckt worden, darunter ein Mädchen mit durchgeschnittener Kehle, blieb am Ende: vier Leichen, davon eine mit Schussverletzungen, kein Mädchen.

Es sind vor allem Amerikas Zeitungen, die den Eindruck korrigieren, die Flut habe in New Orleans zu animalischem Darwinismus geführt, wo nur der Stärkere überlebt – die Stadt sei in der Hand schwer bewaffneter, marodierender Banden. „The Times-Picayune“ und „The Washington Post“ stellen gegenüber, was sie damals berichteten und was heute Sachstand ist. „The Los Angeles Times“ entschuldigt sich für die Tonlage mancher Berichte. Das Fernsehen ist weniger selbstkritisch. Man habe Fehlinformationen laufend korrigiert, sagt Jonathan Klein, Präsident des US-Programms bei CNN. Er betont, Amtsträger wie Bürgermeister Ray Nagin und Polizeichef Eddie Compass hätten damals so getan, als könnten sie die Schreckensmeldungen bestätigen. Es stimmt, sie nutzten die Stimmung, um den Druck auf die Bundesregierung zu erhöhen, Hilfe zu schicken. Vielleicht widersprachen sie auch nicht, um den Eindruck zu vermeiden, sie wüssten nicht, was vorgeht in der Stadt.

Vor allem aber klangen die Horrormeldungen für viele Amerikaner plausibel. Sie kennen die Bilder von Straßenunruhen in armen Schwarzenvierteln der Großstädte. „In den letzten 40 Jahren konnten wir so oft Bilder von Schwarzen sehen, die plündern oder Feuer legen“, sagt Sid Hebert, Sheriff im Stadtteil Iberia. New Orleans zählt 200 Morde im Jahr. Keith Woods, Dekan der Journalistenfakultät, will den Reportern keine Vorwürfe machen. „Wenn die Kommunikation zusammenbricht, bleibt als Hauptnachrichtenweg, was von Mund zu Mund getragen wird.“ Eine Frage allerdings sollten die Journalisten dann viel öfter stellen: „Woher wissen Sie das?“

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