Welt : Wasser am Nordpol: Vor uns die Sintflut

Harald Martenstein

Damals saßen wir auf der Terrasse des Hotels "Otintaai", des einzigen Hotels auf Tarawa, das eine Klimaanlage besitzt, und schauten auf die Wellen. Wir, das waren ein Journalist, drei oder vier japanische Kriegsveteranen und ein paar Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen. Die Wellen waren braun, und es stank. Denn die Lagune wird in Tarawa als Müllkippe und Bedürfnisanstalt benutzt. Die Moskitos kamen uns so groß vor wie Kolibris.

Das also war die Südsee. Und Rick, der für irgendeine Unterorganisation der Weltbank tätig war, erklärte uns den Staat Kiribati, die ehemaligen britischen Gilbert-Inseln: eine Endmoräne des Kolonialismus. In die moderne Welt geschubst, als 1896 die Engländer das Land zu ihrer Kolonie erklärten und das erste Steinhaus bauten, ein Gefängnis. Ein Staat wider Willen, ohne Ressourcen, ohne eine Chance. Wer hält solche Länder finanziell über Wasser? Die internationalen Hilfsorganisationen und die früheren Kolonialmächte. "Diese Inseln sind wie Kinder", sagte Rick, "die den Eltern ein Leben lang auf der Tasche liegen."

Wenn die Meerespegel steigen, wird es auf der Welt ein paar Staaten weniger geben. Der erste Staat, der dann verschwindet, heißt wahrscheinlich Kiribati. Denn Kiribati gilt als das flachste Land der Erde. Kiribati, das neue Atlantis. Ein riesiger Zwerg, ein Kuriosum. Es besteht aus 33 Atollen, meist Koralleninseln mit einer Lagune in der Mitte, die zusammengenommen ungefähr die Fläche von Berlin haben, verteilt auf einer Wasserfläche von der Größe Indiens. Von der Westgrenze zur Ostgrenze fliegt man 4000 Kilometer, und der höchste Berg ist zwei Meter hoch. Nur die Vulkaninsel Banaba ist höher. Jetzt, wo wieder einmal Nachrichten über die schmelzenden Polkappen auf den ersten Zeitungsseiten stehen, fällt ein paar Leuten automatisch das Land Kiribati ein.

Es ist nicht allzu schwer, sich mit dem Präsidenten Tebururo Tito zu treffen. Er hat weniger zu tun als andere Präsidenten und gehört auch nicht zu den hektischen Typen. Als Amtssitz dient ihm ein zerbröselnder Bungalow, eines der wenigen Steinhäuser in dem Hüttendorf Bairiki auf der Insel Tarawa. Auf dem Dach sitzen geierartige Vögel. Neben dem Präsidentenbungalow steht das Fußballstadion, das bei weitem höchste Bauwerk des gesamten Landes. Im Stadion tragen fast sämtliche Männer von Bairiki von drei Uhr nachmittags bis Sonnenuntergang pausenlos Freundschaftsspiele aus. Etwas anderes gibt es sowieso nicht zu tun. Die Frauen von Bairiki sitzen den ganzen Tag auf der Tribüne, betrachten die Männer, unterhalten sich und fächeln einander Luft zu. Nachts schlafen die meisten in offenen Palmstrohhütten. Paare, die unter sich sein wollen, gehen ein paar Meter in den Wald hinein. Eines Tages, wenn Kiribati im Meer versunken ist, wird nur noch das Stadion aus dem Wasser herausgucken.

Der Präsident lacht wie Andrea Fischer

Bevor er Staatspräsident wurde, war Tebururo Tito Präsident des Fußballverbandes. Tito ist dick, in Kiribati gilt das als Zeichen für Autorität. Er trägt einen bunten Rock, darüber ein weißes Hemd mit Krawatte und lacht genau so gern wie Andrea Fischer. Sein Staat hat nur 90 000 Einwohner, aber in den letzten hundert Jahren war er immerhin schon drei Mal in den Schlagzeilen. Das erste Mal 1944, als auf Tarawa eine der blutigsten Schlachten des Pazifikkrieges stattfand. Die japanischen Bunker stehen noch, mit Moos bewachsen, geborsten, umgeben von Gräbern. Auf frische Gräber streut man in Kiribati grünes Glas, das aus zerstoßenen Bierflaschen gemacht wird.

In den späten fünfziger Jahren probierten die Amerikaner auf Christmas Island die Wasserstoffbombe aus. Die Bewohner von Christmas Island wurden auf Kriegsschiffe verfrachtet und in das Bordkino gesetzt. Dort zeigten ihnen die Soldaten Abenteuerfilme, während andere Soldaten über den Dörfern der Bewohner die Bombe abwarfen. Angeblich ist die Strahlung inzwischen verschwunden. Und am 1. Januar 2000 leuchtete die Morgensonne des neuen Jahrtausends zum ersten Mal über Kiribati, ausgerechnet. Es kann ja ein recht kurzes Jahrtausend für Kiribati werden.

"Ach", sagt Präsident Tito und zuckt mit seinen gewaltigen Schultern, "wer kann schon wissen, was die Zukunft bringt?" Das Gespräch, damals, vor ein paar Jahren, war sonderbar. Der Präsident betonte immer wieder, dass die Aussagen der Experten über die Zukunft seines Landes widersprüchlich sind und dass sich kaum jemand in diesem Wirrwarr widersprüchlicher Meinungen zurechtfindet. Man müsse einfach abwarten. Gleichzeitig gehört Kiribati zu den Staaten, die auf internationalen Klimakonferenzen besonders laut auf ihr Schicksal aufmerksam machen, auf die drohende Klimakatastrophe, auf die Gefahren des steigenden Meeresspiegels. Hilfsgelder sind immer gut.

Aber in Kiribati selbst hat niemand Angst. Vielleicht deshalb, weil man auf Kiribati kaum ein Gefühl für Geschichte hat, dafür, wie rasch die Dinge sich ändern können, und wie schnell ein alter Freund zum schlimmsten Feind werden kann. Das Meer zum Beispiel.

Als sich bei Tebururo Titos Partei unter dem Namen "Christliche Demokraten" nicht der gewünschte Erfolg einstellte, benannte sie sich kurz entschlossen in "Sozialdemokratische Partei" um. Als wahlentscheidend gelten auf den Inseln ohnehin nicht so sehr die politischen Ansichten der Kandidaten. Wichtiger ist, was über ihre Trinkgewohnheiten und ihre eheliche Treue so erzählt wird. Persönlicher Ehrgeiz dagegen gilt als ein schlimmer Charakterfehler. Allzu erfolgreiche Geschäftsleute werden deshalb in Tarawa von ihren Kunden boykottiert, aus pädagogischen Gründen und aus Mitleid mit der Konkurrenz.

Nur die Sprache Gilbertesisch, die mit 13 Buchstaben auskommt, hält das Land zusammen. Zwischen den weit entfernten Inseln gibt es kaum Kontakte, und gegen die nationale Fluggesellschaft ist sogar die russische Aeroflot ein Musterbeispiel von Zuverlässigkeit. Ihren Nachbarn geben die Bewohner von Kiribati am liebsten verächtliche Namen wie "Insel der Hundeesser" oder "Insel der Lügner" oder "Insel der Messerstecher". Die wichtigsten Einnahmequellen des Staates sind Fischerei-Lizenzen und Seetang, der zur Herstellung von Zahnpasta und in den Hamburgern gewisser Großhersteller verwendet werden. Bodenschätze gibt es nicht, und für Tourismus ist die Infrastruktur in einem allzu erbarmungswürdigen Zustand.

Im Süden von Tarawa aber gibt es eine Grupppe flacher Gebäude, die auf den ersten Blick wie ein Straflager aussehen. Junge Männer in blauen Häftlingsuniformen. Sie tragen große Nummern auf der Brust und tun etwas, das dem Exerzieren einigermaßen nahe kommt. Es handelt sich um die deutsche Schule. So wird sie zumindest von den Einheimischen genannt, obwohl das "Marine Training Centre" in Wirklichkeit von Neuseeland finanziert wird. Entwicklungshilfe. Neuseeland hat Interesse an politischer Stabilität im Südpazifik.

Jeder Seemann ernährt eine Familie

Auf neuseeländischen Schiffen aber dürfen ausländische Matrosen nicht Dienst tun. Deshalb übernehmen deutsche Reeder die Matrosen aus Kiribati. Sie zahlen ihnen etwa ein Drittel der Heuer eines deutschen Seemanns. Auf diese Weise sind die Deutschen zu dem, neben der Regierung, zweitwichrtigsten Arbeitgeber geworden. Windgegerbte deutsche Seebären weit jenseits der fünfzig stellen in der deutschen Schule das Gros der Lehrerschaft, Männer, die einen ruhigen Arbeitsplatz an Land zu schätzen gelernt haben - und sei er am Ende der Welt. Auch die Schönheit der Landestöchter spielt in den meisten Fällen eine Rolle.

"Das sind hier an sich alles fantastische Seeleute", sagt Klaus, einer der Lehrer. "Aber die Disziplin fehlt. Disziplin haben die null. Deswegen bringen wir denen die Disziplin bei." Und die Nummern? "Klar, das mit den Nummern auf der Brust sieht erst mal komisch aus. Aber die Leute hier ändern dauernd ihre Namen. Wenn denen morgens ihr Name nicht mehr gefällt, dann benennen die sich mir nix, dir nix einfach um. Ohne Nummern blickst du hier nicht durch."

Jeder Seemann ernährt eine Familie. Die Menschen von Kiribati schlafen viel, zwölf Stunden am Tag sind normal, sie singen gern, wenn sie gute Laune haben, sie sitzen am Straßenrand und tätowieren einander. Nachts zünden sie große Feuer an. Früher lebten sie weit verstreut, in Sippen. Erst die Engländer haben sie gezwungen, Dörfer zu gründen. "Deutschland", sagen die Leute von Kiribati, "ist eine sehr große Insel." Anders können sie sich ein Land nicht vorstellen.

Alle sind gut miteinander ausgekommen, bis die Religion anfing, einen Keil zwischen sie zu treiben. Denn der Wettlauf zwischen Protestanten und Katholiken um die Seelen der Insulaner ist ungefähr unentschieden ausgegangen. In jedem größeren Ort gibt es zwei rivalisierende Gotteshäuser. Die Katholiken bekommen mehr Kinder. Ihre Zahl steigt. Aber die Protestanten können es sich wegen ihrer gebremsten Fruchtbarkeit eher leisten, ihre Kinder auf die Universität zu schicken, nach Fidschi. Folglich gehen die guten Jobs immer häufiger an Protestanten, und die Katholiken sind neidisch. Das galt früher als das Hauptproblem von Kiribati: dass es in der Südsee irgendwann Verhältnisse geben könnte wie in Nordirland. Jetzt, wo das Meer steigt, ist dieses Problem relativ unwichtig geworden.

Mit Mote, dem Fischer, bin ich hinausgefahren. Er hat ein Motorboot, aber einen Kompass besitzt er nicht. Er navigiert nach Gefühl, wie fast alle Fischer von Kiribati. Auf diese Art fährt er über Hunderte von Kilometern von Insel zu Insel, wenn es sein muss. "Siehst du den Vogel da?", fragt Mote nach zwei Stunden. "Wo dieser Vogel fliegt, gibt es Thunfisch." Er holt Haken heraus, fingerlange Stahlhaken ohne Köder, und wirft sie ins Wasser. Die Thunfische sind fast so lang wie Arme, sie klatschen auf den Bootsboden und schnappen wütend um sich. Mote schlägt sie mit einem Knüppel tot. Das Blut spritzt auf seine Arme. Er ist glücklich. Er singt.

Die Korallen wachsen schneller

Das Meer ist sein Freund. So ist es immer gewesen. In Kiribati toben selten Stürme, keine Taifune, sonst wären die flachen Inseln längst verschwunden. Deswegen glaubt niemand auf Kiribati den Experten, niemand, auch Mote nicht. Was man auf internationalen Konferenzen erzählt, ist eine andere Sache, dort geht es um Geld.

Zwei Inseln von Kiribati sind allerdings bereits versunken: Abanuea und Tebua. Immer mehr Leute ziehen vom Strand weg, Richtung Landesinneres. Auch die Thunfische ziehen allmählich in andere Reviere, weil sie kühleres Wasser mögen. Die Experten sind immer noch uneins, was den Treibhaus-Effekt und den Anstieg des Meeresspiegels betrifft. Zweifellos steigt das Wasser, langsam aber sicher. Aber gleichzeitig wachsen die Korallen neuerdings schneller. Die Natur passt sich an.

Die "National Tidal Facility" in Australien beobachtet den Anstieg des Pazifik. "Kann sein, dass die Korallen den Anstieg ungefähr ausgleichen", sagt ein Sprecher. Vorausgesetzt, das Wasser bleibt sauber, vorausgesetzt, die Korallen bleiben intakt. Einstweilen raten die Experten den Südsee-Insulanern, Mangroven zu pflanzen, als Wellenbrecher. Der Präsident von Tuvalu, einem anderen Zwergstaat, hat Neuseeeland gebeten, am Tag X sein Volk aufzunehmen.

Wahrscheinlich wird Kiribati sich dieser Bitte anschließen. Ist es das Atlantis von morgen? Wird man es vermissen, wird man ihm Lieder singen? Jede Nacht tasten sich die Wellen heran, ganz sanft noch und vorsichtig, Millimeter für Millimeter, in Richtung auf das Fußballstadion von Bairiki.

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