Welt : Wasser über Wasser

Nach sechsjähriger Bauzeit ist eine neue Trogbrücke über die Elbe bei Magdeburg fertig gestellt. Vor der Eröffnung platzt eine Druckrohrleitung

Matthias Schlegel

Alles war für die feierliche Einweihung am heutigen Tag vorbereitet – dann ereignete sich am größten Wasserstraßenkreuz Europas nordöstlich von Magdeburg gestern Nachmittag eine schwere Panne: Eine unterirdisch verlegte Druckrohrleitung der Schleuse Rothensee platzte und spülte eine Böschung ab, ein Teil einer Straße wurde weggerissen. Verletzt wurde niemand. Die Inbetriebnahme des Wasserstraßenkreuzes ist nach den Worten von Hartmut Dehn, Referatsleiter im Bundesverkehrsministerium, aber nicht gefährdet. Die Havarie habe sich an einer eher unkritischen Stelle im unteren Schleusenbereich ereignet und die Schleuse Rothensee sei ohnehin nicht Teil des eigentlichen, spektakulären Neubaus: der 918 Meter langen und 34 Meter breiten Brücke über die Elbe.

Eine Kanal-Überquerung der Elbe war schon in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts der Traum mancher Ingenieure. Die ersten Bauarbeiten dafür mussten im Kriegsjahr 1942 eingestellt werden.

Wenn ungeachtet der Panne heute das Wasserstraßenkreuz nach einer Bauzeit von sechs Jahren in Betrieb geht, wächst zusammen, was zusammengehört: das west- und das ostdeutsche Wasserstraßensystem. Eine Wanne der Superlative überspannt die Elbe und verbindet den Mittellandkanal, der westlich an die Elbe stößt, mit dem Elbe-Havel-Kanal, der sich östlich dem Fluss nähert.

Von heute an können Binnenschiffe mit einem Ladevolumen bis 1350 Tonnen dieses Riesen-Becken mit seiner Wassertiefe von 4,25 Metern durchqueren und damit von dem einen in den anderen Kanal gelangen. In Anwesenheit von Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) und tausenden Besuchern wird das umfangreichste und ehrgeizigste Teilstück des Verkehrsprojektes Deutsche Einheit Nummer 17 übergeben.

Bislang mussten die aus Richtung Westen auf dem Mittellandkanal ankommenden Schiffe mit ihren Frachten noch am Schiffshebewerk Rothensee zur Elbe „absteigen“, dann auf der Elbe ein Stück flussabwärts schippern, um über die Schleuse Niegripp in den Elbe-Havel-Kanal zu gelangen. Das bedeutete zwölf Kilometer Umweg und etliche Stunden Zeitverlust. Dieses Manöver klappte ohnehin nur, wenn die Elbe genug Wasser führte, um die Lastschiffe zu tragen. Die größeren Schubverbände kamen gar nicht durch: Der Trog des Schiffshebewerkes Rothensee war nur 85 Meter lang. Die neue, größere Schleuse unnmittelbar neben dem alten Schiffsfahrstuhl – jene, an der sich gestern die Havarie ereignete – beseitigte im vergangenem Jahr auch dieses Nadelöhr in Richtung Magdeburger Elbhafen. Wenn die Lastkähne jetzt von Kanal zu Kanal schippern, haben sie beim Überqueren der Elbe nur noch eine einzige Treppe zu überwinden. Die neu errichtete Schleuse Hohenwarthe hievt die Schiffe auf das 18,5 Meter tiefere Niveau des Elbe-Havel-Kanals.

Während die Bauherren stolz sind auf die einmalige ingenieurtechnische Leistung und die Politiker auf die europäische Dimension des Bauwerks verweisen, mehren sich aber auch die Stimmen der Skeptiker. Als das 2,3 Milliarden Euro teure Verkehrsprojekt 17, der Ausbau der Wasserstraßen und Häfen zwischen Hannover und Berlin, geplant wurde, setzte man große Hoffnungen in die Binnenschifffahrt als Verkehrsträger der Zukunft. Unterdessen ist Ernüchterung eingetreten. Hartmut Dehn vom Bundesverkehrsministerium räumt ein, dass die Prognose aus dem Bundesverkehrswegeplan von 1992 eine jährliche Gütermenge für die Binnenschifffahrt von 25,3 Millionen Tonnen voraussah. Erreicht werden in diesem Jahr gerade einmal 18,5 Millionen Tonnen. Dennoch, so Dehn, spreche das Kosten-Nutzen-Verhältnis nach wie vor für das Projekt.

Experten vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung warnen überdies seit langem vor den negativen Auswirkungen solch massiver Eingriffe in den Wasserhaushalt. Havelfischer fürchten um ihre Fischbestände. Dehn weist solche Vorbehalte zurück: Die Wasserstände würden – bis auf geringfügige Ausnahmen – nicht beeinflusst.

Wie auch immer: Mit dem Magdeburger Wasserstraßenkreuz werden Fakten geschaffen. Würde man die Anbindungen an dieses 500-Millionen-Euro-Projekt nicht ausbauen, hieße das nach dem Verständnis der Planer, eine Autobahn in einen Feldweg münden zu lassen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben