Welt : Wassersuche im Kamikaze-Stil

JOACHIM MAHRHOLDT

MAINZ . Es wird ein spektakulärer Todessturz im All, aber vielleicht lohnt er sich ja: Wenn am Samstag vormittag die amerikanische Raumsonde Lunar Prospector in das Gestein des Kraters Mawson nahe dem Mond-Südpol bohrt, steht das Zielgebiet unter Beobachtung einer ganzen Reihe von wissenschaftlichen Geräten auf der Erde. Sollte sich nämlich bestätigen, was viele Wissenschaftler vermuten, müßte die Wucht des Aufpralls eine Staubfontäne aufspritzen lassen, in der sich auch Spuren von Wasserdampf finden sollten. Das wiederum dürfte die Pläne für eine Rückkehr von Menschen auf den Mond vereinfachen und ihre Umsetzung beschleunigen. Wenige Tage nach dem 30. Jahrestag der Mondlandung melden sich die USA als Raumfahrtnation auf dem Mond zurück.Der Preis ist niedrig, die Ausbeute könnte hoch sein - so lieben es mittlerweile auch Wissenschaftler. Lunar Prospector, die im Januar 1998 gestartete blaue Meßtonne, gehört nämlich mit Kosten von rund 115 Millionen Mark zu den Billig-Sonden; ihr Preis entspricht etwas mehr als einem Promille der Kosten des Apollo-Programms. Und doch könnte dieser 160 Kilo schwere Forschungszylinder mit seinem Kamikaze-Sturz die internationale Raumfahrt-Politik entscheidend beeinflussen. Sollte sich nämlich die Existenz gefrorenen Wassers zweifelsfrei nachweisen lassen, würde die ohnehin schon laufende Diskussion um eine Besiedlung des Mondes angeheizt.Die Experten sind sich durchaus uneins, ob es nun Wasser gibt auf dem Mond und in welcher Quantität; Optimisten rechnen mit Mengen zwischen elf und 330 Millionen Tonnen. Deren Modellrechnungen gehen davon aus, daß 2000 Personen mit solchen Reserven länger als ein Jahrhundert auskämen. Einig ist man sich aber trotz aller Differenzen über die Form des Eises; es wäre -sollte es denn existieren - im Gestein gebunden, und zwar im Verhältnis von 0,3 bis zu 1 Prozent. Und solches Eis-Gestein fände sich auch nur in den Polarregionen des Mondes.Die Suche nach Wasser hat wenig mit Hygiene-Sorgen künftiger Raumfahrer zu tun. Zum Zähneputzen oder Nudelkochen wäre dieses Naß nicht in erster Linie gedacht. Vielmehr läßt sich aus Wasser beziehungsweise seinen beiden Komponenten Sauerstoff und Wasserstoff vorzüglich Raketentreibstoff herstellen. Und wenn man - ganz im Sinne der sich langsam bewahrheitenden Science-Fiction-Prognosen - an Reisen zu entfernten Planeten wie etwa dem Mars dächte und diese Trips nicht wie üblich in Cape Canaveral, sondern auf dem Weltraumbahnhof und Basislager Mond beginnen ließe, könnte man durch Treibstoff, den man auf dem Mond produzieren würde und den man nicht von der Erde mühsam hochschleppen und durchs All transportieren müßte, eine ganze Menge Geld sparen. Genauer gesagt: Milliarden von Dollar. Das alles mag sich noch utopisch anhören. Die Pläne dafür hat die NASA jedoch schon in der Schublade Deshalb kommt der US-Raumfahrtbehörde die weltweite Jubiläumsstimmung zur ersten Mondlandung zupaß, denn schließlich müssen ja im Kongreß Gelder lockergemacht werden für die Zukunftsprojekte. Bei der NASA hat das Thema Mond nichts mit Nostalgie zu tun - im Gegenteil. Und nicht nur bei ihr. Auch von Europa aus schielen Forscher zum Erdtrabanten, und auch sie bewegt die praktische Frage, ob es Wasser gibt auf dem Mond, wieviel und wo.

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