Welt : Weg. Egal wohin, egal wie - Das Geschäft der Schlepper blüht

Gerd Höhler

Eigentlich sollte Ibrahim an Bord gewesen sein, als die "Superfast III" am vergangen Montagabend in Patras ablegte und Kurs auf das italienische Ancona nahm. Mit drei Landsleuten war der junge Kurde gegen Mittag zu dem verabredeten Treffpunkt gegangen, einem Parkplatz am Stadtrand. Dort, so hatten ihnen die beiden albanischen Schleuser versprochen, werde sie ein Lastwagen abholen. 1200 Dollar sollte jeder mitbringen. Aber der Lastwagen kam nicht. "Sechs Stunden haben wir gewartet", erzählt Ibrahim, "dann sind wir zu Fuß zum Hafen gelaufen; aber das Schiff war schon weg."

Im Nachhinein ist Ibrahim froh, dass es nicht geklappt hat. Denn die "Superfast III" kam nie in Ancona an. 15 Seemeilen westlich von Patras brach ein Feuer auf Garagendeck 5 aus. Die Flammen griffen auf die dicht an dicht geparkten Lastwagen und Busse über. Die 307 registrierten Passagiere wurden mit Rettungsbooten in Sicherheit gebracht. Aber 14 kurdische Flüchtlinge, die sich in Lastwagen versteckt hatten, sind erstickt.

"Serhan war dabei und Aziz, der junge Aziz, er war erst 17 oder 18", sagt Ibrahim und schüttelt den Kopf. Die beiden hatte er schon in der Türkei kennen gelernt. Wie er kamen sie aus der Gegend um Süleymaniye im Nordirak. Ibrahim ist Arzt. Er hatte zwar Arbeit, aber kein Geld. Für die Flucht hat er seinen Hausrat und seine bescheidene Wohnung verkauft, für 3000 Dollar brachten ihn Schleuser über die türkische Grenze und bis nach Istanbul. Dort wurden noch einmal 1500 Dollar fällig für die Überquerung der Grenze nach Griechenland. Jetzt will er weiter nach Deutschland, zu seinen Verwandten.

Etwa 500 irakische Kurden warten zurzeit in Patras auf die Chance, an Bord einer der Adriafähren zu kommen, die hier jeden Abend abfahren. Sie hausen in selbst gezimmerten Verschlägen am Stadtrand, in leer stehenden Häusern am Hafen oder unter freiem Himmel. Manche warten seit Wochen. Einige waren schon in Italien, wurden aber im Hafen von Ancona von der Polizei gleich wieder an Bord der Fähre geschickt.

"Auf eigene Faust hast du keine Chance", weiß der junge Kurde Ali. "Wenn du dich an Bord schleichen kannst, schicken dich die Italiener zurück." Die meisten verlassen sich deshalb auf die Dienste von Schleusern. Der Menschenschmuggel zwischen der Türkei und Westeuropa ist ein Millionengeschäft. Kurdische, türkische, albanische, griechische und italienische Mafiosi haben ein dichtes Netz geknüpft. Von der irakischen Grenze bis nach Italien werden die Flüchtlinge lückenlos "betreut". Bis zu 10 000 Dollar kostet die Reise von Nordirak nach Europa, Grenzposten, Hafenpolizisten, Lastwagenfahrer und Matrosen halten unterwegs die Hand auf.

Istanbul ist eine Drehscheibe des Menschenschmuggels. Von hier geht es entweder weiter in eine der kleinasiatischen Küstenstädte und von dort in Fischerbooten über die Ägäis oder über den Grenzfluss Evros nach Griechenland. Die Evros-Route ist billiger, gilt aber als riskanter: Seit 1993 sind auf diesem Weg 33 illegale Grenzgänger in griechischen Minenfeldern ums Leben gekommen. Auch die Überfahrt zu einer der griechischen Ägäisinseln ist allerdings keine sichere Route. In den vergangenen fünf Jahren sind in der Ägäis nahezu hundert Flüchtlinge ertrunken, wobei es etwa zwanzigmal mehr Illegale auf diesem Weg versucht haben. Mal kentern die völlig überladenen, altersschwachen Kähne. Wenn die Menschenschmuggler fürchten, gestellt zu werden, zwingen sie die Flüchtlinge mit vorgehaltener Waffe, ins Meer zu springen und den Rest des Weges schwimmend zurückzulegen.

Wer es bis nach Patras geschafft hat, glaubt sich fast am Ziel. Aber: "Das letzte Stück, von hier nach Italien, ist das schwierigste", weiß Ali. Die Italiener suchen in Bari, Brindisi, Ancona und Venedig, wo die Fähren aus Griechenland anlegen, mit elektronischen Spürgeräten nach illegalen Einwanderern. Zwar geht unter den kurdischen Flüchtlingen das Gerücht um, dass man in Italien problemlos politisches Asyl bekomme. Aber das gilt nicht für "blinde Passagiere". Sie werden postwendend wieder zurückgeschickt.

Die Beamten verdienen mit

In Patras dagegen sind die Kontrollen eher lax. Zwar verfügen auch die Hafenpolizisten über Spürgeräte, die selbst durch die Ladung eines Lastzuges hindurch das Kohlendioxid im Atem eines dort versteckten Menschen registrieren. Aber es gibt dort nur drei solcher Apparate, und es herrscht chronischer Personalmangel. Wollte man alle Lastwagen durchsuchen, könnte nur alle zwei Tage eine Fähre auslaufen, heißt es.

Ohnehin ist es ein offenes Geheimnis, dass in Patras auch Beamte an dem Menschenschmuggel mitverdienen. Schätzungsweise zwanzig- bis dreißigtausend Flüchtlinge kommen jedes Jahr über die Ägäis und die grüne Grenze am Evros ins Land. Die Türkei nimmt die illegalen Grenzgänger nur zurück, wenn die Griechen nachweisen können, dass sie von dort kamen. Das ist meistens unmöglich. Weil Griechenland die kurdischen Flüchtlingen nicht abschiebt, sind die griechischen Behörden froh um jeden, der wieder ausreist, egal wohin, egal wie. Und so interessieren sich die Hafenpolizisten in Patras wenig für den Inhalt der Lastzüge, die auf die Fähren rollen.

"Kein Schiff verlässt Patras ohne blinde Passagiere", behauptet Jorgos, Steward auf einer griechischen Adriafähre. Den Reedereien sind Flüchtlinge an Bord ein Ärgernis, denn sie müssen die Illegalen nicht nur zurückbefördern, wenn sie entdeckt werden; sie riskieren auch die Sicherheit ihrer Schiffe, wie der Brand auf der "Superfast III" zeigte - das Feuer wurde vermutlich von den Flüchtlingen verursacht, die sich mit Camping-Gaskochern eine warme Mahlzeit zubereiten wollten. Die Fährgesellschaften rufen nach strikteren Kontrollen der Hafenpolizei. Das Marineministerium dagegen argumentiert, das sei Aufgabe der Reedereien.

Während Reeder und Behörden miteinander streiten, hoffen die Flüchtlinge in Patras auf ihre Gelegenheit. Der Tod der 14 Landsleute, die am Freitag vor einer Woche auf dem Friedhof von Patras beigesetzt wurden, hat sie erschreckt. Aber aufgeben will die Fluchtpläne deshalb keiner. Auch Ibrahim will es noch einmal versuchen. "Es gibt eine Chance", sagt er, "nächste Woche."

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