Welt : Wegen Bombendrohung geschlossen

Tausende Kunden warteten vor Hollands Ikea-Filialen – und auch die Nachrichtenagentur ANP wurde evakuiert

Klaus Bachmann[Brüssel],Rolf Brockschmidt

Von Klaus Bachmann, Brüssel,

und Rolf Brockschmidt

Absperrungen, Polizeiwagen mit Blaulicht, Umleitungen und Kamerateams erwarten Anita T., als sie am Mittwochmorgen über die Grenze ins niederländische Limburg zu Ikea fährt. „Eigentlich wollte ich meine Weihnachtseinkäufe erledigen“, sagt die 50-Jährige einem Kamerateam. Doch daraus wurde nichts.

Wie Anita T. standen tausende Kunden vor den zehn niederländischen Ikea-Geschäften – und kamen nicht rein. Warum nicht, das sagte ihnen allerdings zunächst keiner. Und auch den 4000 Ikea-Mitarbeitern wurde nur mitgeteilt, es sei am besten, sie gingen wieder nach Hause. Was wirklich los war, erfuhren die Niederländer erst aus den Radio- und Fernsehnachrichten: Wegen Bombendrohungen blieben alle Ikea-Filialen geschlossen. „Wir haben mit der Polizei entschieden, am Mittwoch unsere Geschäfte nicht zu öffnen“, sagte eine Sprecherin des schwedischen Möbelhauses. Der Konzern nehme die Drohungen sehr ernst und wolle kein Risiko eingehen.

Sprengstoffspezialisten hatten bereits am Dienstagabend in den schwedischen Möbelgeschäften in Amsterdam und Sliedrecht Sprengkörper entdeckt. Der Versuch, die Bombe auf dem Polizeirevier in Sliedrecht zu entschärfen, funktionierte nicht wirklich: Das Päckchen explodierte und verletzte zwei Mitglieder des polizeilichen Sprengkommandos. Einer der Beamten musste noch am gleichen Abend operiert werden. In Utrecht, wo die Polizei gleich ein ganzes Einkaufsviertel sperrte, wurde am Mittwoch ein verdächtiges Paket „kontrolliert zur Explosion gebracht“. „Es habe sich aber nicht um eine Bombe gehandelt“, teilte die Polizei kryptisch mit.

Eine Sprecherin des Innenministeriums erklärte in Amsterdam, man schließe einen terroristischen Hintergrund der Bombendrohungen aus. Die Polizei verfolge eine konkrete Spur, über die man aus ermittlungstaktischen Gründen noch keine genaueren Angaben machen könne. Das öffentliche Fernsehen berichtet, bei den Bombendrohungen ginge es möglicherweise um Erpressung. Der schwedische Botschafter in den Niederlanden hatte einem schwedischen Radiosender gesagt, die Möbelhauskette habe zuvor Drohbriefe erhalten. In den Niederlanden ist Ikea schon häufig das Ziel von Protestaktionen gegen Kinderarbeit gewesen.

„Das ist ja schlimmer, als der Dacheinsturz bei der Flutkatastrophe vor vier Jahren. Damals war es die Naturgewalt, diesmal ist es Menschenwerk. Absichtlich“, sagt Adi Imeri, der in der Ikea-Niederlassung Amsterdam-Südost arbeitet. Als er in aller Frühe angerufen wird, glaubt er zunächst noch an einen schlechten Scherz. Erst als er mit seinem Rennrad vor der Absperrung steht und von der Polizei nicht zu seinem Arbeitsplatz durchgelassen wird, begreift er, dass es bitterer Ernst ist. Auch Liliana Pejic, Kassiererin in der Lampenabteilung, kann es immer noch nicht fassen. „Schlimm, dass das in unserem Geschäft passiert.“

Während der Durchsuchung aller niederländischen Ikea-Niederlassungen zwischen Groningen und Heerlen sind Straßen und Schifffahrtswege in der Umgebung abgesperrt worden. In Utrecht, wo sich Ikea in der Nähe der A 12 niedergelassen hat, wurde die Autobahn am Dienstagabend total gesperrt. Der Verkehr staute sich über Kilometer. Auch der Amsterdam-Rhein-Kanal wurde von der Wasserschutzpolizei zeitweise für den Schiffsverkehr gesperrt.

Für die Ikea-Filialen in Deutschland bestehe keine Gefahr. „Es handelt sich um eine lokale Sache in den Niederlanden, in Deutschland gab es keine Bombendrohungen“, sagte Stefanie Neumann, Sprecherin der deutschen Ikea-Zentrale.

Die Kunden in den Niederlanden müssen sich zumindest um ihre bestellten Waren keine Sorgen machen. Die meisten Bestellungen seien schon vor der Schließung der Läden verladen worden und würden noch am Mittwoch zugestellt werden. Auf der Website von Ikea können Kunden die Lieferzeiten abrufen.

Wegen der Bombendrohungen waren am Mittwochmorgen auch bei der niederländischen Nachrichtenagentur ANP in der Nähe von Den Haag alle Leitungen blockiert. Deshalb musste die Polizei persönlich vorbeikommen, um dem verdutzten stellvertretenden Chefredakteur an der Rezeption mitzuteilen, dass sein Gebäude ebenfalls wegen einer Bombendrohung geräumt werden müsse. Ob ein Zusammenhang mit den Ikea-Bomben besteht, ist bisher noch nicht geklärt.

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