Welt : Wegen Sex zur WM?

Politik befürchtet mehr Zwangsprostitution – Fans und Huren halten das Thema für überbewertet

Jens Poggenpohl

Berlin - Die Fußball-WM verspricht das Geschäft des Jahrzehnts – auch im Rotlichtmilieu. Darüber, dass im Sommer vermehrt Frauen insbesondere aus osteuropäischen Länder gegen ihren Willen nach Deutschland gebracht werden könnten, sind sich Experten einig. Unklar jedoch ist, wie viele das sein werden: Seit Monaten geistert die Zahl von 40 000 zusätzlichen Zwangsprostituierten durch Medien und Gremien – aber keiner will für die Zahl verantwortlich sein.

Einige Frauenverbände berufen sich auf Berechnungen des Bundeskriminalamts, dort indes bestreit man deren Existenz: „Das sind unseriöse Schätzungen, das kann keiner genau sagen“, sagt ein BKA-Sprecher. Die Dunkelziffer sei viel zu hoch. In der jüngsten Ausgabe der Frauenzeitschrift „Emma“ ist von 30 000 bis 40 000 Zwangsprostituierten die Rede – „so schätzt der Deutsche Städtetag.“ Dem aber „liegen keine Zahlen vor“, sagt ein Sprecher. Aber es gebe in den Städten Furcht vor einem Zuwachs.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hat die Schirmherrschaft für die WM-Kampagne „Abpfiff – Schluss mit der Zwangsprostitution“ übernommen, die vom Frauenrat angestoßen wurde. In der letzten Woche fand eine Tagung des Bundesinnen- und des Familienministeriums zum Thema statt, an der auch DFB-Präsident Theo Zwanziger teilnahm. Thomas Schneider von der bundesweiten Koordinierungsstelle Fanprojekte (KOS) befürchtete dort, Fußballfans könnten „unter Generalverdacht“ genommen werden. Die KOS erstellt zur WM einen Fanguide, in dem auf die Verbrechen hingewiesen wird. Auch die Berufsverbände wie die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen (BSD) finden das Thema Sex und WM „absolut überschätzt“, sagt die BSD-Vorsitzende Karolina Leppert, die in Berlin als Domina arbeitet. „Ich bezweifle, dass die Mehrzahl der männlichen Fußballfans zur WM unter hormonellem Druck steht. Mal locker vom Hocker zur WM einige tausend Frauen mehr – das ist absolut unrealistisch.“ Thomas Schneider sagt: „Ich mache seit 1990 Fanarbeit und habe noch nie die Frage nach dem nächsten Bordell gehört.“ Für Fans gebe es „existenziellere Probleme“, die kämen des Fußballs und des Feierns wegen. Allerdings kenne er „nur den gemeinen, nicht den Luxus-Fan“. Dass Frauenverbände die WM nutzen, um auf das wichtige Thema hinzuweisen, finden die Fanprojekte aber „sehr begrüßenswert“.

„Wir werden diese Zahl nicht mehr benutzen“, sagt Gabriele Kiefer vom Verein „solwodi“, der sich für Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution einsetzt. Jedes Schicksal sei schlimm genug. (mit ddp)

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