Welt : Wehmut in Mark und Pfennig

Matthias Meisner

Lässt es sich in Deutschland ohne einen Euro in der Tasche leben? Bis Ende Februar lässt sich in Geschäften noch mit D-Mark bezahlen - so hat es der Handel versprochen. Doch die Praxis sieht anders aus. Protokoll eines Selbstversuchs.

Zum Thema Online Spezial: Euro - Das neue Geld ist da!
1. Januar: Die Neugier auf den Euro wird beim Neujahrsspaziergang jäh gebremst. Im Cafe der Berliner Kunst-Werke scheitert der Versuch, sich erste Euro-Münzen zu beschaffen. Jeder aus unserer Runde zahlt die Getränke extra, in der Hoffnung auf schöne neue Wechselgeld-Münzen. Doch die Kellnerin gibt auch auf Nachfrage nur in Mark heraus.

2. Januar: Warum nicht als Euro-Muffel leben? Gut 300 Mark noch in der Geldbörse, dazu noch ein paar Fünf-Mark-Sondermünzen im Schrank. In Kreuzberg nimmt der türkische Feinkostenladen nicht nur D-Mark - er gibt auch in der alten Währung heraus.

3. Januar: Die Sekretärin macht Probleme. Vor dem Jahreswechsel hat sie für eine Kollegin ein Abschiedsgeschenk gekauft, nun sammelt sie Euro ein. Wie lange wird sie sich hinhalten lassen? Auch der Kantinenwirt beim Tagesspiegel ist genervt, als ein Espresso mit Groschen und Fünf-Pfennig-Münzen bezahlt wird: "Du setzt unsere Freundschaft aufs Spiel." Draußen lässt sich - ob nun beim Copyshop oder beim vietnamesischen Gemüsehändler - noch mit Mark bezahlen. Die ersten fünf Euro Wechselgeld kommen in eine schwarze Kasse.

4. Januar: Genugtuung für den Mark-Nostalgiker im Supermarkt: Es gibt keinen Quark, das Fleischbuffet ist ausgedünnt - die Lieferanten kommen mit der Auszeichnung der Ware nicht nach. In meiner Geldbörse wird Mark-Kleingeld knapp. Doch eine Kollegin hilft mir - und gibt ihre letzten 156 Mark gegen das Versprechen ab, sich den Gegenwert in Euro überweisen zu lassen.

5. Januar: Heute erscheint der Kinderspiegel - mit Rätsel für Euro-Muffel: Mit wieviel Ein-Pfennig-Stücken lässt sich ein Fünf-Mark-Stück aufwiegen? Zum Euro steht nichts auf der Seite. Überhaupt gute Zeiten für Euro-Muffel: Der Weinladen verkauft eine Flasche für das alte Geld - und gibt auch das Wechselgeld in Mark heraus.

6. Januar: Ein Redakteur aus der Chefetage organisiert Pizza für die Mittagspause - und nötigt mich zur Zahlung in Euro. "Da bekomme ich einen guten Platz in Deiner Geschichte", jubiliert er. Bitteschön.

7. Januar: Noch immer nimmt die Tagesspiegel-Kantine D-Mark an, aber die Gesichter des Personals werden länger. Die Agentur AFP verbreitet gute Nachrichten: Der italienische Ministerpräsident hat noch keinen Euro ausgegeben. Dazu noch: Der Taxifahrer gibt Mark auf Mark heraus.

8. Januar: Eine Quarktasche am Bahnhof Wannsee gekauft - schon wieder nur Euro-Wechselgeld. Abends gelingt mir im Gemüseladen ein Coup: Unter dem Hinweis, noch ein paar verschiedene Mark-Münzen zurücklegen zu wollen, lässt sich ein 100-Mark-Schein "klein" machen.

9. Januar: Beim "Zagato", einem kleinen italienischen Lokal am Marheinekeplatz in Kreuzberg, sind die Liköre und Cafes an der Tafel immer noch in Mark ausgepreist. "Euro - welch ein Chaos" hat der Wirt auf eine Tafel geschrieben. Darauf angesprochen, überschreibt er die Kritik - und verkündet: "Euro - ich liebe Dich". Mamma mia.

10. Januar: Ein Zeitungsladen in Tiergarten will Pfefferminzpastillen nicht mehr für die alte Währung abgeben. "Das war mal", sagt der Verkäufer. Dann eben nicht. Am Alexanderplatz gibt es die Tulpen noch für Mark - und Wechselgeld in Pfennig. Ist die Euro-Skepsis im Osten größer?

12. Januar: Beim Bäcker zahlen alle mit Euro. Aber die Preise sind noch in beiden Währungen ausgezeichnet, und die Mark wird zur Not angenommen. Beim italienischen Feinkostladen muss die Verkäuferin erst die D-Mark-Kasse herbeischaffen. Immerhin: Die Fünf-Mark-Sondermünze findet sie "wunderschön".

17. Januar: Das Mark-Projekt sorgt zunehmend für Ärger. In der arabischen Spezialitätenhandlung in Tiergarten wird die Fünf-Mark-Sondermünze für Falschgeld gehalten. Mit fast schon schlechtem Gewissen schenke ich den russischen Musikanten ein paar Groschen: Sonst liegen nur Euro- und Cent-Münzen im Geigenkasten.

18. Januar: Reise nach Magdeburg. Am Bahnhof Wannsee gibt es für Mark keine Quarktaschen mehr. Die letzten beiden 50-Mark-Scheine gehen an einen Taxifahrer und die Kellnerin eines Szene-Lokals. Vergeblich, jetzt noch auf D-Mark-Wechselgeld zu hoffen. Abends besteht der Busfahrer ohne Wenn und Aber darauf, dass der Fahrpreis in Euro entrichtet wird.

20. Januar: Das Euro-Zeitalter ist nicht aufzuhalten. Für mich beginnt es, drei Wochen nach Einführung der Währung, mit dem kleinlauten Gang zum Geldautomaten.

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