Welt : Weihnachten: Mit der Gabe zur Güte

Ruth Franziska Hoffmann,Anja Kühne

Lametta ist Ansichtssache. Dagegen sind die meisten Requisiten für die Inszenierung eines echten Weihnachtsfestes den Regisseuren fest vorgegeben. Ohne Tannenbaum, ohne Geschenke, ohne Weihnachtsmann lässt sich das Geburtsfest Christi nicht richtig feiern. Das ist seltsam, schließlich hat diese Ausrüstung gar nichts mit dem Heiland zu tun. Ethnologen erklären die Staffage vor allem aus alten Bräuchen, einheimischen vorchristlichen Festen, römischen Sitten oder jüngerem Aberglauben im nördlichen Europa. Irgendwann verlieren sich die Spuren aber immer im Dunkel der Geschichte.

So lässt sich der Weihnachtsbaum nur bis in das Jahr 1600 zurückverfolgen, wo eine Urkunde aus dem Elsass seine Existenz erstmals belegt. Schon seit Urzeiten gehören Bäume und Zweige aber zu Winterfesten: Sie galten als lebensspendend und -bewahrend. Wurde gefeiert, brachte man Zweige mit ins Haus, um sie zum Blühen zu bringen, manchmal steckte man kleine rote Äpfel darauf - als Symbol für die Fruchtbarkeit des nächsten Jahres.

Schläge mit dem Segenszweig

Besonders beliebt wurde dabei die Tanne. Sebastian Brant erwähnt in seinem Narrenschiff (1494) die Sitte, zu Neujahr Tannenreis ins Zimmer zu legen. Mancherorts hängte man später auch Tannenzweige vor die Tür, um Hexen abzuwehren. Ein "Dannenbäum" im Freien ist erstmals 1605 in Straßburg nachweisbar, geschmückt mit roszen ausz vielfarbigem papier geschnitten, Aepfel, Oblaten, Zischgold, Zucker. Später zeigten Protestanten vor ihren Weihnachtsspielen einen kleinen Baum, der behängt mit Äpfeln und den Leidenswerkzeugen Christi Sündenfall und Erlösung versinnbildlichte.

Die Sitte, einander am Geburtsfest Jesu Geschenke zu überreichen, stammt teilweise vom Kult um den heiligen Nikolaus von Myra, der in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts lebte. Er wurde als Schutzheiliger der Gefangenen, Bäcker, Apotheker, Schiffer, Kaufleute und vor allem der Kinder verehrt, weil er der Legende nach drei Gefangene rettete, drei armen Mädchen Gold schenkte und drei Unschuldige vor dem Blutrichter bewahrte.

Heidnischer Tausch

Seit dem 13. Jahrhundert soll am 6. Dezember bei Kirchenspielen jeweils ein Schüler die Rolle des Bischofs Nikolaus übernommen und Geschenke verteilt haben - aber erst nach Warnungen und Mahnungen. Denn schon bald wurde die Bescherung pädagogisch ausgestaltet. Bei Weihnachtsumzügen schlugen sich die Menschen mit den mitgebrachten Segenszweigen. Bald wurde Kindern erzählt, sie bekämen die Rute und statt Äpfeln Kartoffeln, sollten sie nicht artig sein.

Noch nüchterner fällt die Analyse weihnachtlichen Schenkens im 21. Jahrhundert aus: "Was wir praktizieren, ist christlich überlagerter heidnischer Gabentausch", sagt Friedrich Rost, Psychologie-Professor an der Berliner Freien Universität. Gegeben werde keineswegs selbstlos. "Der Schenkende will zum Beispiel Achtung und Wertschätzung für seine Tat." Außerdem könne er davon ausgehen, dass seine Gabe in irgendeiner Form erwidert werde, der andere ihm also verpflichtet sei. "Es entsteht eine Kette, die im Grunde nie abgeschlossen ist."

Der empirischen Geschenkforschung verdanken wir auch die Erkenntnis, dass 96 Prozent aller Geschenke nicht spontan, sondern anlässlich eines Festes überreicht werden. Weihnachten, Konfirmation, Hochzeit oder Einzugsfeiern sind Beispiele dafür, wie wir den Wechsel der gesellschaftlichen oder physischen Lage eines Menschen mit Ritualen markieren. "Ein Geschenk ist dabei wie eine Brücke zwischen den Zuständen", erklärt Rost. Es schließe die eine Situation ab und beginne eine neue. "Zwiespältige Gefühle, die mit der Vergangenheit einhergingen, werden damit ad acta gelegt."

Nicht zuletzt zeigen Geschenke auch, dass man mehr besitzt als man braucht. So stand hinter den Gaben, die viele Adlige im Mittelalter auf ihren Festen mit großer Geste verteilen ließen keineswegs die pure Gastfreundschaft - es war eine Demonstration der Macht. Manch weniger Begüterte versuchte, ihnen nachzueifern, um auch einmal den großen Herrn zu spielen. Zuweilen feierte er sich dabei in den Ruin. In manchen Gegenden, etwa in Sachsen, wurde wegen solcher Konkurse zeitweise das Schenken reglementiert oder ganz untersagt - immer ohne Erfolg.

Dabei liegt es eigentlich nicht in der Natur des Menschen, freiwillig zu teilen. Dem Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt zufolge muss uns das Wissen um die Wirkung von freiwilligen Gaben erst vermittelt werden. Dieses Wissen, sagt Psychologe Rost, sei von großer Bedeutung: "Schenken wirkt aggressionshemmend, schafft neue Beziehungen und stabilisiert schon bestehende. Es ist soziales Handeln par excellence."

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