Welt : Weil Jungs so schlecht küssen

Mit Lesbenspiel und Lolitamasche stürmt das russische Popduo t.A.T.u. Europas Charts – und zuhause warten ihre Freunde

Sassan Niasseri

Auf den Betrachter wirken sie echt. Aber nicht jeder sollte ihnen über den Weg trauen. Zwei Moskauer Mädchen in Schuluniform erregen derzeit mit Lolita-Appeal und Lesbenspielen die Gemüter. Im Videoclip „All the Things she said“ nähern sich die zwei im strömenden Regen zaghaft einander – und enden in einer intensiven Kussszene. Das neueste Pop-Produkt der Girlie-Abteilung heißt t.A.T.u.. In ihrer Heimat Russland und in Großbritannien provozierten die beiden Sängerinnen Julia Olegnowa Wolkowa (17) und Elena Sergejevna Katina (18) mit ihrer Masche Skandale. Die umstrittenen Szenen zwangen sogar Politiker zur Debatte über „Pädophilen-Pop“. Musiksender griffen zur Schere, in England endet das Video ohne Kuss. Doch Verbote wecken die Neugierde, der Werbeeffekt war wohl kalkuliert: Innerhalb einer Woche stieg ihr Song in England um 176 Chartplätze auf die Spitzenposition – Nummer eins, das gelang einer russischen Popgruppe dort noch nie. Auch in Deutschland steht der Song jetzt auf Platz 2. Und die t.A.T.u-Manie rollt weiter: Jetzt peilt die Plattenfirma den US-Markt an.

„Schulmädchen" plus „Lesbensex" plus „Russland" – die Marketinganleitung für das erfolgreiche Girlgroup-Modell ist bizarr. Der geheimnisvoll wirkende Name steht nicht etwa, wie eine englische Zeitschrift mutmaßte, für „Teens against Tobacco Use“. Lautmalerisch heißt es „Tattoo“. Im Russischen ist „t.A.T.u“ die Abkürzung für „Ta Lyubit Tu“ – „Sie liebt Sie“.

In Russland, wo vor zwei Jahren ihr Debütalbum „200 km/h in the wrong Lane“ erschien, sind die fummelnden Mädchen Megastars, füllen Stadien mit 50000 Fans. Die Konzertbesucher erwarten den obligatorischen Höhepunkt, wenn zu „All the Things she said“ das große Knabbern beginnt.

Dabei versuchen t.A.T.u gar nicht erst, sich wirklich als lesbische Frauen zu behaupten. Der Lesben-Trick fördert den Verkauf. Madonna haben ein paar bisexuelle Ansichten in ihren Videos auch nicht geschadet. Das gleichgeschlechtliche Miteinander ist bei t.A.T.u nur ein Spiel – freimütig erzählen Lena und Julia öffentlich von ihren Boyfriends. Die sitzen zuhause in Moskau und kriechen vor Sehnsucht auf dem Zahnfleisch, während ihre Girls knutschend durch die Welt fahren. „Meine sexuellen Neigungen gehen keinen etwas an", behauptet die rothaarige Lena in Interviews. „Es spielt doch keine Rolle, ob Julia und ich uns lieben. Jeder soll sich selbst ein Bild machen." Das t.A.T.u-Konzept entstammt – wie könnte es anders sein – der Fantasie zweier angegrauter, aber ausgebuffter Musikbusiness-Strategen. Starproduzent Trevor Horn, der in den Achtzigerjahren mit Arbeiten für Frankie goes to Hollywood und Grace Jones erfolgreich war, schusterte ein solide groovendes Soundgerüst aus Rock und Elektropop zusammen. Seine Kontakte öffneten den britischen Markt.

Der Moskauer Marketing-Experte Ivan Shapovalov ist zuständig für den theoretischen Überbau, die Schulmädchen-Report- Masche. Mädchensex im Musikformat war eine Marktlücke, Zielgruppe: Männer.

Doch entgegen diesem Kalkül ist der Großteil ihrer Fans weiblich – und so jung wie die Stars selbst. „Unsere Leserinnen sind verrückt nach t.A.T.u“, erklärt Uli Weissbrod vom Jugendmagazin „Bravo“ und verweist auf Brieffluten der Leserinnen. „Die bewundern ihren Mut, einfach das zu tun, worauf sie Lust haben – egal, ob sie lesbisch sind oder nicht“.

MTV-Moderator Markus Kavka beobachtet das so: „Die Jungs sind verstört und verwirrt, Mädchen denken sich: cool, was die machen. Jungs sind schließlich selbst schuld, wenn sie so schlecht küssen.“

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