Welt : Weißer Ring: Aktenzeichen Zimmermann

Conrad Pohlmann

Bei der Schutzorganisation für Verbrechensopfer "Weißer Ring" kam es zu einem Eklat: Der Autor und Fernsehmoderator der Fahndungssendung "Aktenzeichen XY...ungelöst", Eduard Zimmermann, der den Verein 1976 gegründet hat und ihm als Ehrenvorsitzender angehörte, wurde wegen vereinsschädigenden Verhaltens aus dem Vorstand der Opferschutzorganisation ausgeschlossen. Ebenso der Mitbegründer Alred Stümper. Bereits am vergangenen Wochenende war der Bundesvorsitzende Max Herberg auf der Bundesdelegierten-Versammlung in Leipzig seines Amtes enthoben worden.

Der Weiße Ring mit Sitz in Mainz hilft Kriminalitätsopfern zum Beispiel durch eine kostenlose Erstberatung bei einem Rechtsanwalt. Darüber hinaus beraten die rund 2300 ehrenamtlichen Mitarbeiter bundesweit in Fragen des Rechtsschutzes und begleiten zu Gerichtsterminen. Nach eigenen Angaben wurden seit der Gründung 180 Millionen Mark in die Opferhilfe und 36 Millionen Mark in die Vorbeugung investiert.

Mit dem Eklat entlädt sich eine Schlammschlacht zwischen Zimmermann und Herberg, die den Verein in seinen Grundfesten erschüttert. Denn die Organisation mit 68.000 Mitgliedern, die sich ohne staatliche Zuschüsse aus einem Spendenaufkommen von 22,4 Millionen Mark jährlich finanziert, ist zur Aufrechterhaltung seiner bundesweit 400 Anlaufstellen auf regelmäßige Spenden und damit das Vertrauen in der Bevölkerung angewiesen.

Was war passiert? Zimmermann hatte in einem "Focus"-Beitrag den seit 1994 an der Vereinsspitze stehenden Herberg in die Nähe des Spendenmissbrauchs gerückt und durch diese Diffamierungskampagne dessen Abwahl vorangetrieben. Herberg dementierte die Vorwürfe und konterte seinerseits: Er habe Hinweise, dass Zimmermann vor zwei Jahren die Kandidatur des ranghohen Juristen und Thüringer Regionalbeauftragen des Weißen Rings, Thomas Hutt, für den geschäftsführenden Vorstand der Vereinigung unterstützt habe, obwohl er um Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen den Beamten gewusst habe. Die Kandidatur wurde zwar verhindert, trotzdem habe Zimmermann den Beschuldigten bis zum vergangenen Wochenende weiter unterstützt.

"Ich habe Hutt nicht von seiner Funktion als Regionalbeauftragter ausgeschlossen, um beruflichen Schaden von ihm abzuwenden, habe aber erwartet, dass er selbst entsprechende Konsequenzen zieht", sagte Herberg und fügte an, dass die Verhinderung der Kandidatur ihm nachträglich den Vorwurf des Rufmordes eingebracht habe.

Trotz der Vorwürfe hielt Herbert in Leipzig zunächst still, riskierte sogar seine Abwahl, die dann schließlich mit 111 zu 93 Stimmen vollzogen wurde. Danach überschlugen sich die Ereignisse, die Kenntnisse Herbergs machten die Runde. Man folgerte, dass mit Herberg offenbar ein "Bauernopfer geschlachtet" worden war. Die Empörung entlud sich tags darauf im Abwahlantrag gegen Zimmermann und Stümper, die beide mit 122 zu 70 Stimmen aus dem Vorstand ausgeschlossen wurden.

Für Herberg eine späte Form der Wiedergutmachtung, doch für den enttäuschten Träger des Bundesverdienstkreuzes ist das Kapitel damit ein für alle Mal abgeschlossen, obwohl ihn eine Welle der Solidarität erreicht. Erste Konsequenz: Thomas Hutt hat mit sofortiger Wirkung sein Amt als Regionalbeauftragter des Landes Thüringen aufgegeben und ist damit zugleich aus dem Vorstand der Organisation ausgeschieden. Generalsekretär Dieter Eppenstein beschwichtigt: "Die Arbeit für die Opfer geht ohne Beeinträchtigung weiter. Die Querelen knabbern aber kräftig an meinem Zeitbudget." Bis zur außerordentlichen Delegierten-Versammlung spätestens Ende März 2001 soll eine Findungs-Kommission einen geeigneten neuen Vorsitzenden suchen.

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