Weiter Bedrohung durch Hochwasser : Die Welle rollt nach Norden

Das Hochwasser ist noch lange nicht überstanden, auch wenn die Pegelstände mancherorts sinken. Sechs Bundesländer sind nach wie vor betroffen. Am gebrochenen Deich bei Fischbeck gibt es derweil einen ersten kleinen Erfolg.

von und
Verzweifelt stemmt sich das kleine Elversdorf in Sachsen-Anhalt gegen das Hochwasser von Elbe und Tanger. Foto: Jens Wolf/dpa Foto: dpa
Verzweifelt stemmt sich das kleine Elversdorf in Sachsen-Anhalt gegen das Hochwasser von Elbe und Tanger. Foto: Jens Wolf/dpaFoto: dpa

Ein Reh nimmt Anlauf zum Sprung über die Sandsackbarriere. Es gerät ins Stolpern, sucht auf dem glatten Material vergeblich nach Halt, rappelt sich dann doch mit letzter Kraft auf und schwimmt schließlich zu einer kleinen Insel in der Mitte der Elbe. Das Schauspiel in der Nähe der Stadt Wittenberge im nordwestlichen Brandenburg hat die Helfer am Deich aufgeschreckt: Als sie die Stelle näher betrachteten, sahen sie, dass das Tier drei Sandsäcke bei seinem Überlebenskampf weggerissen hatte. Nun strömte Wasser aus der Elbe über den mit Sandsäcken erhöhten Damm und bedrohte die Standsicherheit des ganzen Bauwerks. Nur mit großem Einsatz konnte die Lücke wieder geschlossen werden.

So eine kleine Episode aus dem nunmehr seit einer Woche andauernden Kampf gegen die Fluten erzählt der Chef des Krisenstabes in der Prignitz, Landrat Hans Lange, nicht in großer Runde. Da geht es eher um Pegelstände, den Einsatz von 200 zusätzlichen Bundeswehrsoldaten oder die Absperrung des Evakuierungsgebietes in Wittenberge, auf halber Strecke zwischen Berlin und Hamburg gelegen. „Aber zumindest bei den Einsatzkräften an den Deichen sprechen sich solche Erlebnisse schnell herum, zum Glück“, sagt Lange. „Sie zeigen, wie sehr die Sicherheit unseres Landstrichs am dünnen Faden hängt.“ Wäre das Reh nicht rechtzeitig gesehen worden, wäre der ganze Damm möglicherweise ins Wanken geraten. So aber konnte die Prignitz vor einer Überschwemmung bewahrt werden.

Hochwasser in Deutschland
Das Hochwasser geht, der Schaden bleibt. Wie hier auf der Bundesstraßee 188 bei Kabelitz (Sachsen-Anhalt). Foto: dpaWeitere Bilder anzeigen
1 von 443Foto: dpa
27.06.2013 21:23Das Hochwasser geht, der Schaden bleibt. Wie hier auf der Bundesstraßee 188 bei Kabelitz (Sachsen-Anhalt).

Bei 7,75 Meter verharrte der Pegel in Wittenberge. Am Sonntag waren es noch zehn Zentimeter mehr. Doch die Marke des „Jahrhunderthochwassers“ von 2002 ist längst überschritten. Nur noch meterhohe Schichten von Sandsäcken auf den Deichen halten die Elbe in ihrem Bett.

Der Nordwesten Brandenburgs profitiert außerdem von zwei Deichbrüchen bei Tangermünde in Sachsen-Anhalt. Bei Fischbeck strömen seit Montag pro Sekunde rund 1000 Kubikmeter Wasser ungehindert ins Hinterland. Der Riss vergrößerte sich bis zum Morgen auf eine Länge von 100 Metern, obwohl die Bundeswehr im Fünf-Minuten-Takt riesige Sandsäcke und sogar Steine aus Hubschraubern auf die Bruchstelle abwarf. Von Land aus ist diese Stelle schon lange nicht mehr erreichbar.

Am Nachmittag brachte der Einsatz der Hubschrauber einen ersten kleinen Erfolg: Luftbilder zeigten, dass die Öffnung im Deich etwas verkleinert werden konnte. Dennoch wurden weitere Gebiete überschwemmt. Tausende Menschen mussten vor den Fluten in Sicherheit gebracht werden. „Die Feuerwehr fährt mit Booten in die eingeschlossenen Orte“, hieß es vom Krisenstab des Landkreises Stendal. „Menschen, die zuerst noch in ihren Häusern ausharren wollten, bitten nun um die Evakuierung. Ohne Strom, Trinkwasser und Lebensmittel ist ein längerer Aufenthalt unmöglich.“ Überschwemmt wurde auch der Ort Schönhausen, in dem 1815 der spätere Reichskanzler Otto von Bismarck zur Welt kam.

Seite 1 von 2
  • Die Welle rollt nach Norden
  • Seite
Artikel auf einer Seite lesen

2 Kommentare

Neuester Kommentar