Welt : Welcher der Verletzten kommt zuerst dran?

UTA ARNIM

Schon drei Minuten nach der Unglücksnachricht kümmerten sich die ersten professionellen Helfer um die Überlebenden im entgleisten ICE.Ein Rettungswagen war zufällig in der Nähe gewesen.Der leitende Notarzt Ewald Hüls, der später den Einsatz der Mediziner und Sanitäter koordinierte, traf eine Viertelstunde später ein, wie er dem Fernsehsender ntv am Donnerstag sagte.Bei einem so großen Unfall entscheidet die Schnelligkeit und gute Organisation der Hilfe über Menschenleben.

Dafür haben einige Ärzte eine spezielle Ausbildung."Leitende Notärzte", die nach bestimmten Dienstplänen rund um die Uhr erreichbar sein müssen, sind geschult in der Koordinierung von Hilfe im Katastrophenfall.Sie fordern Rettungswagen und Hubschrauber an, informieren Krankenhäuser über Art und Schwere von Verletzungen und teilen die mitarbeitenden Notärzte ein.Doch auch jeder Mediziner, der im Rettungswagen arbeitet, muß bei einem Großunfall wie in Eschede wissen, was zu tun ist: Denn bis zum Eintreffen des leitenden Notarztes gilt derjenige als "leitend", der zuerst am Unfallort war.

Er darf nicht kopflos versuchen, dem ersten Verletzten zu helfen, sondern muß versuchen, sich einen Überblick zu verschaffen."Er muß sich zuerst organisatorischen Aufgaben widmen", sagt der Berliner Anästhesist Martin Welte, Oberarzt am Klinikum Benjamin Franklin, "versuchen, sich einen Überblick über die Größe des Schadens, die Art der Verletzungen zu machen und weitere Hilfe herbeirufen".

Nicht einfach ist auch die "Sichtung" der Verletzten, mit dem alten, umstrittenen Begriff "Triage" genannt.Bei wem kann schnelle Hilfe Schaden verhindern? Wem kann - unter den gegebenen Umständen - nicht geholfen werden, weil er wohl nicht überleben wird? Wer ist so leicht verletzt, daß er nicht sofort behandelt werden muß? Unter den Begriff "Katastrophenmedizin" fällt auch die Ausbildung und Logistik für große Unfälle.Sie ist umstritten, denn Kritiker fürchten, die Vorbereitung auf den Umgang mit vielen Verletzten könnte gleichzeitig eine Vorbereitung auf den Kriegsfall sein...Martin Welte sagt hingegen, der Unfall in Eschede sei ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig die Katastrophenmedizin sei, denn "in friedlichen Zeiten muß die Organisationsstruktur da sein".

In Eschede scheint die Rettungskette reibungslos funktioniert zu haben."Der Katastrophenplan ist wie vorgesehen umgesetzt worden" sagte Werner Scheffler, Einsatzleiter in Celle, am Donnerstag.Bei Unglücksfällen mit vielen Toten und Verletzten wird der Einsatz der Rettungsmannschaften durch Katastrophenschutzpläne geregelt.Katastrophenschutz ist Ländersache, die Pläne werden von den jeweiligen Landesregierungen erstellt.

Die Entscheidung, ob Einheiten von Bundeswehr, Bundesgrenzschutz oder Technischem Hilfswerk zu Hilfe gerufen werden, liege bei der örtlichen Einsatzleitung, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums.In Niedersachsen, wo Eschede liegt, ist jede kreisfreie Stadt und jeder Landkreis dazu verpflichtet, einen Katastrophenschutzplan zu haben.Nach Auskunft des niedersächsischen Innenministeriums wird darin festgelegt, welche Personen, Hilfsorganisationen und Krankenhäuser in welcher Reihenfolge zu benachrichtigen sind.Die Entscheidung, ob Katastrophenalarm ausgelöst wird, treffe der Verwaltungschef des Kreises.Das Gesetz sehe außerdem regelmäßige Katastrophenschutzübungen vor.

Noch suchen Ärzte, Sanitäter, Feuerwehrleute und Techniker weiter nach Überlebenden.Doch trotz aller Bemühungen, schnell den Verletzten zu helfen, wird für viele jede medizinische Hilfe zu spät kommen.Die Notärzte halten es kaum für möglich, Menschen noch lebend zu bergen.

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