Welt : Weltall: Sind wir allein im Universum?

Andreas Austilat

Was sagt man in so einem Moment? Jerry Ehman sagte "wow!" Vier Jahre hatte er jeden Morgen wahllos verteilte Einsen und Zweien auf seinem Computerausdruck kontrolliert, und plötzlich stand da wie eine Insel im Ziffernmeer diese Folge: 6 E Q U J 5. Ein Signal, aufgefangen mit dem Radioteleskop der Ohio State University, ein Signal aus dem Weltraum.

Das Dumme war nur, es blieb bei dieser einen Botschaft. Und unter der weltweit operierenden Seti-Gemeinde, einem Verbund aus Forschungsinstituten und Freiwilligen, der sich mit immer größeren Radioteleskopen der Suche nach extraterrestrischen Sende-Signalen verschrieben hat, gilt eine eherne Regel: Einmal ist keinmal. Wird die Botschaft nicht wiederholt, betrachtet man sie als zufälliges Produkt irgendeiner strahlenden Materie, nicht aber Signal intelligenter Wesen.

Inzwischen ist Ehmans "Wow"-Signal 24 Jahre alt und die Setiforscher haben bis in einer Entfernung von 50 Lichtjahren das Universum durchmustert - ergebnislos. Sie können einem Bericht des Magazins "Spektrum der Wissenschaft" zufolge ausschließen, dass dort irgendjemand mit mindestens irdischer Leistungsfähigkeit sendet.

Wir können also niemanden hören da draußen im All. Und sehen konnten wir bisher auch keinen. Sogar ein Ufologe wie Denis Plunkett, Leiter der britischen Agentur zur Überwachung Fliegender Untertassen, hat die Hoffnung aufgegeben und sein Büro nach 50 Jahren wegen ausbleibender Kontakte im April dieses Jahres geschlossen.

Das Dunkel lichtet sich

Heißt das auch, dass da niemand ist? Immerhin, erst wähnten unsere Vorfahren die Erde im Mittelpunkt der Welt; später dann die Sonne. Und jetzt, da sich beides als Irrtum herausgestellt hat, sollen wenigstens wir einzigartig sein? Auf den ersten Blick schwer vorstellbar. Ist sie nicht unendlich, die Zahl der Sterne in einer klaren Sommernacht? Nein, sie ist es nicht. Wer sich die Mühe macht und wirklich zählt, wird bis zum frühen Morgen fertig sein. 6000 Sterne sind mit bloßem Auge sichtbar. Erst mit schwerem Gerät ist die Zahl unfassbar: 10 hoch 22 Sterne gebe es, schreibt der Wissenschafts-astronaut Ulrich Walter in seinem Buch "Zivilisationen im All", das sind 10 000 000 000 000 Milliarden.

Wie viele dieser Sterne einem Planeten als Sonne aufgehen, wissen wir nicht, denn die bleiben vorerst im Dunkel. Wenngleich sich dieses Dunkel langsam lichtet, seit 1997 den beiden Schweizer Forschern Michel Mayor und Didier Queloz der Durchbruch in der Planetenbeobachtung gelang: Planeten verursachen minimale Schwankungen in der Bahn ihres Zentralgestirns, Schwankungen, die man messen kann. 63 Planeten sind bis heute auf diese Weise identifiziert. Ein Kandidat erdähnlichen Kalibers war nicht darunter. Logisch, denn bisher konnten auf diese Weise nur dicke Brocken von Jupiterdimensionen erfasst werden oder solche, die ganz eng um ihr Zentralgestirn kreisen. Die dicken aber scheiden ob ihrer zu großen Schwerkraft als Heimat außerirdischen Lebens aus, die Schnellläufer wiederum werden zu heiß. Schon der Merkur, der in 88 Tagen um die Sonne kreist, erhitzt sich auf ungemütliche 400 Grad. Was aber, wenn unsere physikalischen Gesetze in galaktischen Fernen gar nicht gelten? Wenn feuerfeste Aliens auf irdische Bedingungen pfeifen?

Höchst unwahrscheinlich, wie der Astronaut und Physiker Ulrich Walter feststellt. Wenn unsere Theorie von der Entstehung des Weltalls aus einem Urknall vor 12 bis 18 Milliarden Jahren richtig ist, dann müssen an diesem Punkt auch die uns bekannten Naturgesetze ihren Ursprung genommen haben, dann gelten sie universal.

Tatsächlich bestätigt Jakob Staude, Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Astronomie und Herausgeber der Zeitschrift "Sterne und Weltraum", dass alle Spektralanalysen des Lichts in der Galaxie ergeben haben: Mit anderen als den bei uns bekannten 92 Elementen ist nicht zu rechnen.

Viele Zutaten braucht es nicht für die Ursuppe, der letztendlich auch wir unsere Exis-tenz verdanken. Der Nobelpreisträger Manfred Eigen vom Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen bringt das etwas verkürzt auf die griffige Formel C-H-N-O-P-S, die Symbole für Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Phosphor und Schwefel. Aber auch wenn sie im All vorhanden sind: Gibt es so etwas wie ein vorrevolutionäres Prinzip, nach dem eine Suppe entstehen muss, wenn nur die Zutaten existieren. Immerhin ist es im Versuch gelungen, Zellbausteine herzustellen. Einen einfachen Organismus, und sei es auch nur ein Einzeller, daran ist die Wissenschaft - zum Glück, wie manche meinen - bisher gescheitert. Trotzdem ist Manfred Eigen sicher, wenn die Naturgesetze gelten, wenn die Zutaten da sind und nur irgendwie Feuer unter den Kessel kommt, entsteht zwangsläufig Leben. Und zwar ziemlich schnell, wie das Beispiel Erde zeigt. Eigen und Kollegen haben das Alter irdischer DNA auf 3,9 Milliarden Jahre datiert. Da die Erde 4,5 Milliarden Jahre alt ist und es 500 Millionen Jahre gedauert hat, bis der Kometenbeschuss aufhörte, so etwas wie eine Atmosphäre entstand und einigermaßen stabile Verhältnisse herrschten, brauchte es nur vergleichsweise läppische 100 Millionen Jahre, bis die ersten Einzeller fertig waren.

Der Beweis, dass dies auch andernorts passierte, steht aus. Aber er könnte bald erbracht sein. Die Europäische Raumfahrt-agentur ESA will mit dem Projekt "Darwin" den Versuch unternehmen, Interferometer im All zu installieren, um festzustellen, ob es im Umkreis von 50 Lichtjahren Sterne gibt, in deren Spektrum sich so genannte Ozonabsorptionslinien nachweisen lassen. Dies wäre ein sicheres Indiz für biochemische Prozesse, mithin der Beweis für lebende Organismen.

Im Prinzip gibt es sogar in unserem Sonnensystem zwei Kandidaten für außerirdisches Leben in einfacher Form. Mars ist der eine, aber der hat allen Bemühungen zum Trotz bisher enttäuscht. Fossilienfunde, die Forscher glaubten identifiziert zu haben, sind neuerdings umstritten und könnten ebenso gut mineralischen Ursprungs sein. Bleibt der zweite: Der Jupitermond Europa. Erste Aufnahmen von diesem Mond lieferten schon Ende der 70er Jahre die Raumsonden Voyager eins und zwei, neuere Bilder übertrug 1995 die Sonde Galileo. Seitdem wissen wir, auf Jupiter tut sich was. Es gibt dort kaum Einschlagkrater, Indiz für eine sich schnell verändernde Oberfläche mit vulkanischer Aktivität. Außerdem gibt es einen Ozean. Der ist zwar an der Oberfläche gefroren, sonst wäre das Wasser mangels Atmosphäre schon entschwunden. Aber die Eisschicht könnte vergleichsweise dünn sein, wie Tilmann Althaus vom Mineralogischen Institut der Universität Heidelberg sagt. Günstige Aussichten für ein Leben in der Tiefsee. Nachgucken werden wir frühestens in drei Jahren, wenn die Sonde Europa Orbiter zu ihrer Mission in Richtung Jupiter startet.

Die Existenz außerirdischen Lebens ist also recht wahrscheinlich. Schon schwieriger ist die Antwort auf die Frage, gibt es da draußen intelligentes Leben? Nicht unwichtig für die Beantwortung dieser Frage wäre es, wenn man wüsste, wie lange intelligentes Leben denn zu seiner Entwicklung braucht? Wir kennen nur das Beispiel Erde, da hat es fast vier Milliarden Jahre gedauert. Eine Frist, die die Zahl potenzieller Kandidaten beträchtlich begrenzt. Der Planet müsste nicht nur günstige Bedingungen bieten, er müsste diese auch über einen ziemlich langen Zeitraum garantieren. Ein Meteoriteneinschlag - wie jener, der den Dinosauriern den Garaus machte - dürfte in solch einem System nicht allzu oft geschehen.

Schutzschild Jupiter

Nur eines von einer ganzen Reihe Kriterien, die die im Prinzip hohe Zahl geeigneter Kandidaten stark reduziert. Ein nur fünf Prozent geringerer Erde-Sonne-Abstand beispielsweise - und alles Wasser wäre schon in den frühen Jahren der Erde verdunstet, ein Prozent mehr, und es wäre vergletschert. Ein Mond, wie ihn die Erde hat, ist ebenfalls von Vorteil, weil er unsere Bahn stabilisiert. Und hätte der Jupiter mit seinem mächtigen Gravitationsfeld nicht wie im Juli 1994 den heranrasenden Shoemaker-Levy 9 schon etliche Meteoriten abgefangen, es wäre längst aus mit uns.

Ein mathematischer Versuch, die Zahl der Planeten abzuschätzen, die nach all diesen fast schon absurden Zufällen (und es gibt noch viel mehr), als Heimat fremder Zivilisationen übrig bleiben, ist die nach dem Astronomen Frank Drake benannte Drake-Gleichung. Dummerweise hat die Formel derartig viele Unbekannte, dass sie zur Antwort auf unsere Frage kaum taugt. Der Astrophysiker Ulrich Walter hat sich die Mühe gemacht, das Ergebnis zu berechnen und kam auf das unbefriedigende Ergebnis N(heute) = Zahl fremder Zivilisationen = 0 bis 100 000.

Sollte die Zahl sehr viel höher als null sein, führt das automatisch zur Frage, wo sie denn sind, die außerirdischen Intelligenzen. Geht man einmal davon aus, dass sie noch nie versucht haben, die Erde zu kolonisieren, eine Annahme, die selbst unter UFO-Anhängern Zustimmung erfahren dürfte, kann das nur vier Gründe haben:

Interstellare Raumfahrt ist technisch unmöglich. Das können wir schon nach heutigem Wissen ausschließen. Gibt man der Menschheit noch einmal tausend Jahre, wird das ein Klacks sein.

Interstellare Raumfahrt ist möglich. Aber die Außerirdischen tun es nicht. Auch das ist unwahrscheinlich. Da jeder Planet irgendwann dem Untergang geweiht ist, hätten hochentwickelte Zivilisationen einen guten Grund zur Reise.

Außerirdische bereisen zwar die Galaxis, haben sich aber bei uns nicht blicken lassen.

Außerirdische waren zwar in der Nähe, hatten aber kein Interesse an uns. Letztere Varianten sind zwar denkbar, aber nicht wahrscheinlich. Denn für hoch entwickelte Zivilisationen wäre die Erde so etwas wie ein Leuchtfeuer in einem ziemlich dunklen Meer.

Schließt man alle vier Gründe aus, bleiben nur zwei Annahmen als Fazit. Erstens, wir sind allein im Universum. Oder zweitens - und um einiges wahrscheinlicher weil, wie bereits festgestellt, die Aussichten auf außerirdisches Leben sehr gut sind: Wir sind die am weitesten fortgeschrittene Lebensform im Universum.

Wenn wir uns aber irren, bliebe natürlich noch drittens: Eine fremde Zivilisation wird irgendwann hier auftauchen. Das wirft neue Fragen auf. Zum Beispiel die, ob es nicht klüger wäre, sich beim Seti-Projekt aufs bloße Zuhören zu beschränken, statt - wie bereits geschehen - Botschaften über unsere Exis-tenz ins All zu senden. Denn wenn einer unseren Ruf hört und kommt, dann ist er der Kolumbus. Und wir sind die Eingeborenen.

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