Welt : Weltaufgang 2000 (Kommentar)

Lorenz Maroldt

So schön kann Globalisierung sein! Ob New York, Rio, Tokio, überall auf der Welt das gleiche schöne Bild: gigantische Feuerwerke und fröhlich feiernde Menschen. Und von überall her die gleiche gute Nachricht, die eigentlich gar keine Nachricht ist, weil doch fast gar nichts passiert ist: kein Computercrash, keine Anschläge, kein Sektenwahn; kein Massenmord, kein Massenselbstmord, keine Massenpsychosen - kein Weltuntergang. Nur Jubel, Trubel, Friedlichkeit. Ja, sind denn jetzt plötzlich alle verrückt geworden? Soviel gute Laune - das ist doch nicht mehr normal!

Gewiss, die Welt ist nicht ganz so gut, wie sie an diesem Tag zu sein schien. Es ist Krieg in Tschetschenien. Es gibt Hunger und Krankheit, Betrug und Bestechung, Überschwemmung, Sturm und Atomraketen, Zerstörung, Wahnsinn und Hass. Aber diese Nacht hat bei ihrem 24 Stunden langen Zug von Tonga und Kiribati über Sydney und Neu Dehli bis hin nach Samoa gezeigt: Die Welt ist besser und schöner, als sie oft beschrieben wird - und sie könnte noch viel besser sein. Denn die Welt hat nicht nur gemeinsam das selbe Ereignis gefeiert, sie hat es auch noch auf ziemlich ähnliche Weise getan: voller Freude auf das, was noch kommt. Da ist eine Kraft erkennbar, mit der noch ganz anderes gemeinsam geschafft werden könnte.

Viel hat man zurückgeblickt in den vergangenen Monaten; von kollektiver Endzeitstimmung aber war nichts zu spüren, allen durchaus begründeten Sorgen und Ängsten zum Trotz. Das bisschen Grusel vor Crash und Chaos war wie ein wohliger Schauer. Es wurde ein beinah euphorisches fin de siècle. Damit konnte noch vor ein paar Jahren nicht gerechnet werden. Eigentlich war man sich ziemlich sicher: Demnächst sprengen wir uns selbst in die Luft. Diese Gefahr ist längst nicht gebannt. Was also ist bloß geschehen, was diesen Optimismus, ja diese Euphorie erklären kann? Ist das alles vielleicht nur eine Momentaufnahme? Eine Übertreibung im Überschwang eines flüchtigen Gefühls? Ein letztes Aufbäumen vor der Agonie?

Man kann aus der Vergangenheit lernen. Man kann sich aber auch von den Erfahrungen der Vergangenheit lähmen lassen. Wie Stimmen aus der Vergangenheit klingen manche weisen Pflichtworte zum neuen Jahr. Dass Politiker ehrlich sein sollen (Wolfgang Thierse), die Bürger mehr Eigeninitiative zeigen müssen (Gerhard Schröder), die Menschheit sich vom Egoismus abzuwenden hat (Johannes Rau): Wir haben es alle schon so oft gehört, es ist alles so schrecklich langweilig richtig. Davon lässt sich niemand begeistern. Das Geheimnis der friedlichen Aufgeregtheit dieser Tage ist ein wundersamer, gemeinsamer Bewusstseinswandel, den wir der christlichen Zeitrechnung zu verdanken haben: Wir stehen nicht vor dem Ende, sondern vor einem neuen Anfang. Und das Schönste ist: Der eigentliche, der echte, der rechnerische Jahrtausendwechsel steht uns erst noch bevor. In 363 Tagen ist es wieder soweit. Der Countdown läuft!

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