Weltkulturerbe : Dresden steht ohne Titel da

Die Unesco hat hat ihre Drohung wahr gemacht - und das Dresdner Elbtal von der Welterbeliste gestrichen. Dresdens Oberbürgermeisterin konnte das Komitee nicht von ihrem Kompromissvorschlag überzeugen.

Dagmar Dehmer

Das Dresdener Elbtal ist kein Weltkulturerbe mehr. Das Unesco-Welterbekomitee hat es bei seiner Sitzung in Sevilla von der Liste gestrichen. Der Grund ist der umstrittene Bau der Waldschlösschenbrücke, die seit 2007 in Sichtweite der Dresdener Innenstadt im  Bau ist. Erst vor fünf Jahren waren die 18 Kilometer Elbtal rund um Dresden als Weltkulturerbe anerkannt worden. Doch schon seit 2006 führte die Unesco das Elbtal auf der Roten Liste der gefährdeten Weltkulturerbestätten. Schon im vergangenen Jahr hatte die Unesco Dresden mit der Aberkennung des Titels gedroht, wenn die Stadt auf den Bau der vierspurigen Autobrücke nicht verzichtet. Nun hat die UN-Organisation ihre Drohung wahr gemacht.

Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU), die sich seit drei Tagen in Sevilla aufhielt, hatte eine Minute Redezeit, um für eine Gnadenfrist für ihre Stadt zu werben. Sie wollte das Welterbekomitee davon überzeugen, erst nach der Fertigstellung der Waldschlösschenbrücke im Jahr 2011 über eine Aberkennung des Weltkulturerbetitels zu entscheiden. Offenbar konnte sie das Gremium, dem Vertreter aus 21 Staaten angehören, nicht von ihrem Vorschlag überzeugen. 14 Stimmen entschieden für die Aberkennung, fünf dagegen, zwei enthielten sich. Damit lag eine Zweidrittelmehrheit vor.

Oberbürgermeisterin Orosz erklärte am Donnerstagabend, es gebe die Möglichkeit einer neuerlichen Bewerbung des Dresdner Elbtals um einen Welterbetitel. Dies habe das Welterbekomitee in Sevilla eingeräumt, sagte Orosz laut einer Mitteilung ihres Dresdner Büros in Sevilla.

Nach Auffassung der Unesco wird die Brücke das Elbtal irreversibel zerschneiden und die Kulturlandschaft mit ihren Flussauen zerstören. Einen Tunnel hätte das Komitee als Kompromiss akzeptiert. In ersten Reaktionen bedauerten deutsche Politiker die Entscheidung und sprachen von einem Ansehensverlust Deutschlands. „Das ist ein sehr trauriger Moment“, sagte die Präsidentin des Gremiums, María Jesús San Segundo, sichtlich bewegt. Es sei ein großer Verlust, wenn man das Welterbe aberkenne. „Damit ist Dresden von der Liste gestrichen.“ Eva-Maria Stange (SPD), Präsidentin des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz und Sachsens Kunstministerin, warf der Stadt Dresden vor, „sehenden Auges ins Verderben“ gelaufen zu sein. „Das ist ein schwarzer Tag für das Kulturland Sachsen und Deutschland als Kulturnation.“  Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, erhob ebenfalls scharfe Vorwürfe: „Dresden hat mit dieser Sturheit dem Kulturstaat Deutschland einen Bärendienst erwiesen. Deutschland ist in der Welt blamiert.“ Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) hat die Entscheidung der Unesco bedauert, aber gleichzeitig auch zu Gelassenheit geraten. „Es ist mehr als bedauerlich, dass die Beteiligten außerstande waren, einen Kompromiss zu finden“, sagte Neumann. Der Bund habe sich immer wieder vermittelnd für eine einvernehmliche Lösung des Konflikts um die Waldschlösschenbrücke eingesetzt. Nach der Kompetenzverteilung des Grundgesetzes seien in erster Linie Länder und Kommunen zuständig für den Denkmalschutz und für die Bewahrung des Welterbes. Die SPD-Bundespolitiker Monika Griefahn und Steffen Reiche erklärten: „Es wäre die Aufgabe von Bundeskanzlerin Merkel und Kulturstaatsminister Neumann gewesen, das Wort für den Erhalt des Weltkulturerbes zu ergreifen und ihren Parteifreunden in Dresden und Sachsen Einhalt zu gebieten.“ Griefahn und Reiche sprachen von einem „peinlichen Debakel“. Der internationale Imageschaden für Deutschland als Kulturnation sei enorm. Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee kritisierte: „Es war mehr als genug Zeit für Sachsen und die Stadt Dresden, mit der Unesco zu einem Kompromiss zu gelangen. Schon eine grundsätzlich andere Brückenlösung hätte genügt.“

In der Geschichte der Welterbekonvention wurde bislang nur ein einziges Mal eine Stätte von der Liste gestrichen. Dabei handelte es sich um eine Naturerbestätte in Oman. Bis Samstag verfügt Deutschland also nur noch über 32 Welterbestätten. Dann allerdings wird erwartet, dass die Unesco das Wattenmeer an der Nordsee auf deutschem und niederländischem Gebiet zum Weltnaturerbe erklären wird. mit dpa

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben