Weltmeisterschaft : Leipzig sucht den Super-Kopfrechner

Hätten Sie unter Zeitdruck ausrechnen können, dass der 19. Mai 1758 ein Freitag gewesen ist? Oder die Multiplikation von 75.394.407 mit 41.771.997 gelöst? Aufgaben dieser Größenordnung mussten sich in Leipzig die Teilnehmer der Weltmeisterschaft im Kopfrechnen stellen - ein Elfjähriger sorgte für Überraschung.

Sebastian Döring[dpa]

LeipzigGesamtsieger bei der Weltmeisterschaft im Kopfrechnen wurde in Leipzig der Spanier Alberto Coto, der Deutsche Jan van Koningsveld landete auf Platz Zwei. Dritter der Gesamtwertung ist der Peruaner Jorge Arturo Mendoza Huertas. Die Auswertung mit dem Computer hatte sich am späten Nachmittag um eine halbe Stunde verzögert.

Die Rechenkünstler im Alter von 11 bis 68 Jahren hatten zehn Aufgaben in sechs Kategorien zu lösen. Neben Kalenderrechnen und der Multiplikation achtstelliger Zahlen standen Additionen mit insgesamt 1000 Ziffern oder das Wurzelziehen aus sechsstelligen Zahlen bis auf die fünfte Nachkommastelle auf dem Aufgabenblatt. Die Rechenvielfalt der Teilnehmer wurde in zwei Überraschungsaufgaben getestet, die sich mit Rechenregeln und der Berechnung einer Durchschnittszeit in Stunden, Minuten und Sekunden befassten. Van Koningsveld belegte im Kalenderrechnen und im Wurzelziehen jeweils den ersten Platz.

Jüngster Teilnehmer war der elfjährige Vinay Bharadwaj aus Indien. Als Vinay die Aufgaben im Akkord löst, jongliert er mit seinen Händen, als ob er die Zahlen an einem virtuellen Rechenschieber hin- und herwirft. Beim Multiplizieren ist er als Zweiter fertig. Die verbleibenden zwei Minuten guckt er in die Luft, grinst breit über das Gesicht, während neben ihm ein älterer Teilnehmer seinen schweren Kopf auf der Hand abstützen muss.

Kopfrechnen können "sicher mehr Leute, als es glauben"

Erst vor zwei Jahren habe er sich zum ersten Mal für Mathematik interessiert, sagt Vinay. "Meine Eltern und mein Mathelehrer haben mich motiviert, ich habe richtig Spaß dabei." Seinen Freunden hilft er manchmal bei den Hausaufgaben, damit sie schneller spielen können. Der junge Rechenkünstler gucke kein Fernsehen, sagt seine Mutter, die eine der drei Teilnehmerinnen ist. Vinay spielt Badminton und hört gerne kanadische Klassikmusik.

Der indische Junge habe genau im richtigen Alter mit dem Rechnen in höheren Sphären begonnen, sagt sein Gegner, der 29-jährige Stefan Lehmann aus Chemnitz. "Anfangen sollte man, wenn das normale Multiplizieren in der Schule behandelt wird. Oder vielleicht ein Jahr später, um nicht mit den anderen Rechenmethoden durcheinander zu kommen." Auf jeden Fall sollte man Spaß haben, sagt van Koningsveld. "Es ist wie beim 100-Meter-Lauf. Um richtig in die Spitzen zu kommen, muss man nicht nur trainieren, sondern auch die Veranlagung haben. Es können aber sicher mehr Leute, als es glauben."

Während der elfjährige Inder nur mit einem Stift auskommt, brauchen die älteren Teilnehmer mehr Hilfsmittel. Der Libanese Issam Khneisser hat sich die Augen verbunden und Stöpsel in die Ohren gesteckt, um das Leben in seiner Umgebung auszublenden. Die Deutsche Tina Bauer nutzt eine stark abgedunkelte Sonnenbrille wie beim Pokern. Van Koningsveld braucht einen Kopfhörer, der für die Reduzierung von Baulärm ausgelegt ist: «Man sitzt da, um eine gewisse Anspannung aufzubauen und dann kommen die ganzen Ankündigungen für die Prozedur - und dann noch in mehreren Sprachen. Da ist der Fokus natürlich weg. Ich bin da zumindest sehr anfällig."

Die Lösung lautet: 3.149.374.943.020.779

Auch die Rechenprofis haben ihre Schwächen. "Ich habe mir noch schnell vor dem Schlafengehen das Wurzelrechnen angeguckt, weil ich nicht mehr genau wusste, wie das geht", sagt Lehmann. "Das sollte man so kurz vor Schluss eigentlich nicht mehr machen." Er landete am Ende auf Platz 17, ist aber zuversichtlich für seine Division einer 15-stelligen durch eine dreistellige Zahl vom Vortag einen Weltrekord zugesprochen zu bekommen. Van Koningsveld hatte sich bei der Jury beschwert, weil sein Aufpasser zu unruhig gewesen sei. "Der hat hin- und hergewippelt, das lenkt enorm ab", sagt der 39-Jährige Bilanzbuchhalter. Bei der Multiplikation von 75.394.407 mit 41.771.997 lag er aber richtig. Die Lösung lautet: 3.149.374.943.020.779.

Die erste Kopfrechen-WM fand 2004 in Annaberg-Buchholz statt, der Wirkungsstätte des deutschen Rechenmeisters Adam Ries. Gießen war 2006 Austragungsort der zweiten Weltmeisterschaft.

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