Welt : Weltstadt Berlin: Die echte Fratze des Kapitals

Kurt Scheel

Jahaa!", sage ich in der Regel auf die Fra-ge, ob es mir in Berlin gefalle: "Jahaa!", somit Schmackes und Brio in der Stimme.- Oder, auch das ist ein guter Beginn, kurz und preußisch "Gutt; sehr gutt". Also entweder die voluminöse Antwort, großes Orchester, euphorisch und versonnen zugleich; oder kammermusikalisch, transparent im Aufbau, karg im Ton - aber sehr ernsthaft und eben dadurch, im Verzicht auf das große Trara, um so überzeugender. Welche Möglichkeit vorzuziehen ist, hängt vom Kontext ab und ob Sie den Unterhalter und Causeur im Sinne Fontanes geben wollen, mit Witz, Selbstironie und allen Schikanen: Dann wählen Sie A. Wenn Sie aber als seriöser Essayist gelten wollen, der vielleicht sogar einmal einen Leitartikel verfassen darf: Wählen Sie B.

Jetzt müssen Sie Thema und Rhythmus wechseln, also keinesfalls über Berlin sprechen: Was gäbe es auch zu sagen, was nicht schon zu oft gesagt worden wäre? Sprechen Sie über den Ort, von dem Sie hierher gekommen sind. Natürlich sollte er etwas hermachen, Gelsenkirchen oder Rendsburg wären schlecht, denn im direkten Vergleich damit sieht wahrscheinlich sogar unser Spree-Athen (das Wort dürfen Sie nie benutzen!) besser aus. Im Zweifelsfall denken Sie sich etwas aus: Hamburg, meinetwegen Frankfurt - sehr schick wären auch richtige Metropolen wie Paris oder New York, die "ein bisschen langweilig" seien, verglichen mit Berlin ... Auch mit bizarren Städtenamen wie Bombay oder Lagos können Sie Eindruck schinden.

Meiner Erfahrung nach reicht ein mehrtägiger Stadtbesuch und aufmerksame Baedeker-Lektüre, um Dauerresidenz problemlos vorzutäuschen: Wie oft ich schon erzählt habe, dass ich drei Jahre in Hiroshima war ...

Natürlich ist es weniger anstrengend, bei der Wahrheit zu bleiben: "Wissen Sie, ich komme aus München (anerkennendes Nicken der Zuhörer), habe dort - ja, tatsächlich, 18 Jahre gelebt, und es gibt für mich ü-ber-haupt keinen Grund, irgend etwas Schlechtes über die Stadt zu sagen. Im Gegenteil: Man lebt dort sehr angenehm, phäakisch geradezu (kein Zuhörer traut sich, fragend zu blicken), aber es ist doch, alles in allem, etwas gemütlich, so überschaubar und gesund. Wissen Sie, wenn ich mal Rentner bin, wäre das der passende Wohnort, so sauber und nett. Aber doch eigentlich keine richtige Stadt, einfach zu klein. Und auch geistig ein wenig beschränkt: Die Selbstzufriedenheit der Münchner, die Selbstgerechtigkeit der Bayern kann einem Intellektuellen schon ziemlich auf die Nerven gehen ... Aber im Prinzip ein blitzsauberes Städtchen zum Liebhaben und Genießen."

Jetzt ist das Terrain sondiert beziehungsweise planiert; nun können Sie praktisch alles, was berlinerisch im engeren Sinne ist, gegen das "Gesunde" und "Ordentliche" der Vergleichs- und Herkunftsstadt ausspielen: Wie toll es doch sei, dass Berlin arm ist, prollig, unästhetisch: echte Realität eben, keine oberflächliche und verlogene Verschönerung der Fratze des Kapitals. Selbst Figuren wie Diepgen und Landowsky bekommen dadurch etwas Campartiges, Geiles: "Wo gibt es denn noch solche Typen? Die sehen doch aus wie Telefonzellen aus den sechziger Jahren, die müsste man unter Denkmalschutz stellen! Das ist der Geruch der guten, alten Bundesrepublik, vermischt mit dem Mief der Zone - echter, ehrlicher Gestank, nach dem wir uns sehnen werden, wenn erst die Dot.com-Politiker mit ihrem Boss-Rasierwasser die Luft verpesten ..."

Die Grundregel sollte klargeworden sein: Alles, was Ihre Eltern und/oder Kleinbürger an Berlin abstoßend finden, loben Sie über den grünen Klee. Selbst die Hundescheiße auf dem Trottoir (solche Wörter sollten Sie gelegentlich einflechten, das schafft Atmosphäre und Ambiente) wird somit Ausdruck von Anarchie, Vorschein des unverwalteten Lebens, praktisch von Ährlischkeit und Freizügigkeit. Love Parade und Christopher Street Day, Ey-Allda-Türken und Karneval der Kulturen, Alkoholabusus und Big Eden, Alexanderplatz und PDS, Reinhold Goetz und Christoph Peymann: Alles, was für sich genommen prekär, wenn nicht hochbedenklich ist, wird in dieser Mischung der große Schwurbel, von dem alle schwärmen. Ich garantiere Ihnen, dass in einer Versammlung von Leuten mit dem Abitur aufwärts keiner sich trauen wird, Ihrem enthusiastischen Porträt solcher Vorhölle zu widersprechen.

Denn mit dem Lob des Durcheinanders beschreiben Sie ja tatsächlich die Realität der richtig großen Stadt, und wem das nicht passt, der soll nach drüben oder nach Bayern gehen. Aber gewinnen ist aufm Platz. Manchmal kommt man mit meiner Goldenen Regel (aus Scheiße Gold machen) nicht durch, weil Nörgler und Miesmacher, Wichtigtuer und Neidhammel widersprechen und versuchen, mit kleinlichem Kritikastertum die Aufmerksamkeit der hübschen Rothaarigen, die so gebannt an Ihren Lippen hängt, auf sich zu lenken. In diesem Fall müssen Sie die Geheimwaffe anwenden, die drei positiven und nachweisbar richtige Aussagen über Berlin furchtlos ins Feld führen: Es gibt keine Stadt in Deutschland, die so grün ist, so viele von Bäumen zierlich gesäumte Straßen hat; keine Stadt ist so attraktiv für Journalisten und Schriftsteller, und jeden Monat kommen sie myriadenfach hierher; Berlin ist nicht langweilig, überall wird hier gebuddelt und gemurkst, buchstäblich und im übertragenen Sinn.

Wer jetzt aber den Namen Karl Scheffler ruft oder das Originalzitat anführt, ist verflucht für alle Zeiten und muss den Aufsatz "Weltstadt ohne Weltstädter" des allerletzten Berliner Weltstädters und preußischen Urgesteins auswendig lernen oder, ersatzweise, tausendmal "Ich bin keine Metropole" aufschreiben.

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