Welt : Welttheater West-Berlin

Die „Linie 1“ als Klassiker – nun wieder im Original

Christian Böhm

Berlin - Die Fahrpreise der Berliner Verkehrsbetriebe wurden angehoben, der Euro eingeführt. „Schluss damit“, sagt Linie-1-Autor Volker Ludwig. Er will endlich wieder das Stück auf der Bühne sehen, das er 1985 geschrieben hat. Und deshalb gibts die U-Bahn-Tickets zum alten Tarif von 2,10 Mark – auf der Bühne.Von diesem Samstag an fährt die „Linie 1“ im Grips-Theater wieder durch das Berlin der 80er, wie es damals war. Denn: „Die ,Linie 1’ ist längst zum Klassiker geworden“, sagt Ludwig.

Sinn machten die kleinen Modernisierungen des Textes ohnehin nicht mehr. Das Musical war immer von der West-Berliner Realität geprägt, in die es einmal gesetzt war. Immer spielte es zur Zeit der Berliner Mauer, auch wenn zuletzt nicht mehr direkt Bezug genommen wurde. Glück hatten die Theterleute auch, denn als die BVG die Streckenführung der U 1 änderte, blieb der Schauplatz zwischen Wittenbergplatz und Schlesischem Tor weiter auf der Linie 1. Das erste neue deutsche Musical ist eindeutig historisch geworden – und historisch soll es jetzt auch endgültig bleiben.

„Linie 1“ ist unerwartet ein Erfolg geworden. „Da hat keiner dran gedacht, dass wir das Musical 18 Jahre später noch immer spielen“, erinnert sich Thomas Ahrens, der jede der bislang 1158 Aufführungen gespielt hat. Nach der Premiere war vor und hinter der Bühne der Jubel groß. „Wir waren fertig, erschöpft und glücklich.“ Alle haben sie vor Rührung oder vor Erschöpfung geheult: Schauspieler, Publikum, Kritiker. Das ist eine der Anekdoten um die „Linie 1“ – ein Stück, mit dem sich für einige Rezensenten das deutsche vom amerikanischen Musical emanzipiert hatte. Dass sie etwas ganz Neues gewagt hatten, das war auch den Schauspielern klar, sagt Ahrens rückblickend. Langweilig ist ihm die „Linie 1“ noch immer nicht geworden. Der Charakter des Stücks: Tempo und Berliner Witz, packt ihn noch immer. In Berlin wurde „Linie 1“ ein Triumph, und auch in anderen Städten wurde es später mit großem Erfolg gespielt. Über Jahre gab es kein deutschsprachiges Stück, das häufiger inszeniert, aufgeführt und besucht wurde.

Sogar zu einem erfolgreichen Export-Stück wurde es: mit Inszenierungen und Aufführungen unter anderem in Dänemark, Schweden, Finnland, Italien, Litauen, Griechenland und Kanada. Meist wurde bei den Aufführungen auch die Originalmusik gespielt. Die „Seoul Line 1“ brachte es inzwischen auch zu mehr als 1000 Aufführungen. In Vilnius wird die Geschichte in einen O-Bus verlegt, in Kalkutta in einen Vorortzug. „Linie 1“ ist Welttheater.

Das Stück erzählt von einer jungen Aussteigerin aus einer deutschen Kleinstadt, die sich in einen Rockmusiker aus Berlin-Kreuzberg verliebt hat. Die Romanze hatte Folgen – jetzt sucht sie den werdenden Vater. Um Viertel nach sechs in der Früh erreicht sie den Bahnhof Zoo. Sie macht Bekanntschaft mit abgelebten Nachtgestalten, jungen Arbeitslosen, grantigen Rentnern, kichernden Backfischen und vielen mehr. Zwar hat die Geschichte das Gesicht Berlins verändert. Doch erkennt der Zuschauer an den Figuren noch immer Großstadtalltag wieder. Das spricht für den genauen Blick Volker Ludwigs, mit dem er die Rollen entwarf.

Und das ist es auch, was für das Grips-Theater-Urgestein Thomas Ahrens eine historische „Linie 1“ so gut funktionieren lässt. „Sie zeigt Berlin von unten. Es ist ein engagiertes Stück, und dabei ist es witzig, ohne erhobenen Zeigefinger.“ Sechs Schauspielergenerationen haben im Grips-Theater „Linie 1“ gespielt. 80 Charaktere treten auf, gespielt von nur elf Schauspielern. Es spielt die Rockband „No Ticket“.

Informationen im Internet:

www.grips-theater.de

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