Welt : Weltweit tödlich

Der Einsatz von Streubomben bei Konflikten gefährdet die Zivilbevölkerung – vor allem Kinder

Sarah Kramer[Berlin]

Es sind Millionen lautlose Zeitbomben, die derzeit auf der ganzen Welt unerkannt auf dem Erdboden schlummern. Streumunition, die in Kriegszeiten flächendeckend über einem Land abgeworfen wurde und nicht explodiert ist. Die tödliche Fracht segelt oft völlig unbemerkt an Minifallschirmen zur Erde, ohne auf dem Boden zu detonieren: Wer einen der dosen- oder ballförmigen Blindgänger aufhebt, lässt die Sprengsätze hochgehen.

Ein Griff, der jeden Tag hunderte Menschen verstümmelt oder gar tötet. Die Sprengkraft einer Streubombe ist um ein Vielfaches höher als etwa die einer Landmine, deren Explosion vor allem Verletzungen der Beine oder anderer Gliedmaßen hervorruft. „Die Detonation einer Streubombe kann so heftig sein, dass sie einen Körper regelrecht in Stücke reißt“, sagt Francois de Keersmaeker, Geschäftsführer von Handicap International Deutschland. 100 000 Menschen, so schätzt die Nichtregierungsorganisation, sind bislang durch den Einsatz von Streumunition getötet worden. Dabei sind es vor allem Kinder, die die Gefahr verkennen: Sie halten die Bomben wegen ihres oftmals auffälligen Aussehens fälschlicherweise für Spielzeug. In Afghanistan zum Beispiel kam Streumunition in leuchtend gelber Farbe zum Einsatz. Die meisten Blindgänger befinden sich in Krisengebieten und Regionen, in denen jahrelang Bürgerkrieg herrschte, darunter Albanien, Äthiopien, Irak, Kosovo, Libanon, Tschetschenien, Vietnam und Laos. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden allein bei der Invasion Afghanistans durch internationale Truppen im Jahr 2001 rund 250 000 Streubomben abgeworfen, von denen 16 Prozent nicht explodierten. In vielen Fällen liegt die Blindgängerquote aber noch viel höher – die Angaben reichen bis zu 40 Prozent. „Für die Zivilbevölkerung ist das sehr gefährlich“, sagt de Keersmaeker.

Im Gegensatz zu Landminen, deren Einsatz seit 1997 verboten ist, kommen Streubomben bei internationalen Auseinandersetzungen auch heute noch zum Einsatz – zuletzt beim Konflikt zwischen Israel und Libanon. Über dem Nachbarstaat warf die israelische Luftwaffe laut Handicap International im vergangenen Jahr mindestens vier Millionen Streubomben ab. Bislang wurden davon nur rund 120 000 geräumt. Auch die Bundeswehr verfügt derzeit über Streumunition, bei der Luftwaffe und beim Heer. Allerdings habe man sich verpflichtet, auf den Einsatz von Munitionsarten mit einer Blindgängerquote von mehr als einem Prozent zu verzichten und in Zukunft keine neuen Streubomben anzuschaffen, sagte ein Bundeswehr-Sprecher mit Verweis auf die sogenannte Acht-Punkte-Position der Bundesregierung aus dem Jahr 2006. Darin heißt es, dass „der Einsatz von Streumunition nur dann vorgesehen ist, wenn geeignete alternative Wirkmittel nicht verfügbar sind“.

Mittelfristig ist zudem geplant, die derzeit verwendeten Streubomben durch andere Munition zu ersetzen. Nach Tagesspiegel-Informationen wird dies jedoch nicht vor 2015 geschehen. Ob Deutschland in Zukunft ganz auf den Einsatz von Streumunition verzichten wird, will das Auswärtige Amt laut Acht-Punkte-Position prüfen.

De Keersmaeker geht diese Ankündigung allerdings nicht weit genug. „Das ist kein entscheidender Schritt, wenn wir Streubomben ächten wollen“, sagt er. „Wir brauchen ein umfassendes Verbot.“ Zuletzt hatte der Vatikan ein internationales Verbot von Streubomben gefordert. Bislang gibt es nur ein Land auf der Welt, das diesen Weg beschritten hat: Belgien. Dort sind die Produktion, der Verkauf und der Einsatz von Streubomben seit Februar 2005 verboten. Eine weltweite Regelung werde derzeit – wie jüngst auf Konferenzen in Oslo im Februar und in Belgrad im Oktober dieses Jahres – zwar diskutiert, sei aber vor allem bei den Hauptproduzenten der Streumunition schwer durchzusetzen. Dazu zählen Russland, die USA und China – und die Bundesrepublik.

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